Almerija Delic (Fenena), Sangmin Lee (Nabucco), Fritz Steinbacher (Abdallo) ©Thonas Jauk, Stage Picture

Oper Dortmund: Musikalisch glanzvolle Premiere von Verdis Oper „NABUCCO“

Almerija Delic (Fenena), Sangmin Lee (Nabucco), Gabrielle Mouhlen (Abigaille), Chor der Oper Dortmund ©Thonas Jauk, Stage Picture
Almerija Delic (Fenena), Sangmin Lee (Nabucco), Gabrielle Mouhlen (Abigaille), Chor der Oper Dortmund
©Thonas Jauk, Stage Picture

Bericht der Premiere vom 10.03.2018 im Opernhaus Dortmund   –  Stürmischer Applaus für Solisten, Chor, Orchester und den Dirigenten des Abends,  Motonori Kobayashi. Deutlich vernehmbares Buhkonzert für Regie, „Ausstattung“ und „Kostüme“. Beides berechtigt nach der gestrigen NABUCCO-Premiere am Dortmunder Opernhaus. Jens-Daniel Herzogs Regie bot ein Sammelsurium von eigenen früheren Einfällen, Szenen, Personenführungen und seinen üblichen, mittlerweile vorhersehbaren, Sex & Crime-Elementen. Schon während der genialen Ouvertüre nahm Herzog seine Drehbühne in Betrieb, meinte, seine Geschichte schon einleitend ab dem ersten Takt der Oper erzählen zu müssen. Schade um diese wunderschöne und leidenschaftliche Oper. 

 

Regelmäßige Leser des Opernmagazins sind es sicher gewohnt, die Begeisterung und innere Teilnahme des Rezensenten am soeben im Opernhaus Miterlebten in aller Regel hier nachlesen zu können. Sicher ist es immer auch eine subjektive Wahrnehmung, die zu einer Kritik letztlich führt. Und oft frage ich mich bereits schon während der Aufführung, was uns/mir die Regie über das jeweilige Stück mitteilen will. Ja, welche geheime Botschaft wohl hinter so einer (im besten Falle) durchdachten Inszenierung stecken könnte. Was aber, wenn der berühmte begeisternde Funke einfach nicht überspringen will? Oder dieser besagte Funke nie die Chance hatte, so etwas wie ein, wenn auch nur kleines, bescheidenes, Entfachen zu produzieren?

Gestern nahm ich nur übermäßige Gewalt, knall-laute Pistolenschüsse und Gewehrsalven, Hektik, eine bei Herzog inzwischen zum vielfach gewählten Standard gehörende Drehbühne, viele alte bekannte Requisiten aus seinen vergangenen Inszenierungen und nur sehr wenig durch die Musik entspringende Emotionen wahr. Bedauerlich, quillt doch gerade Verdis Frühwerk NABUCCO nur so über von hinreißenden Melodien, großen Szenen, Soli und wunderbaren Chören. Wie viel an Ausdruck, an Gefühl und Pathos vermittelt doch diese Partitur des italienischen Meisters. Die Musik gibt letztlich jedem, der es hören will und kann, alles an Rüstzeug mit an die Hand, um auch Inszenierungen entstehen zu lassen, die nicht unbedingt zu Zeiten des Babylonischen Königs und der Hebräer und Israeliten angesiedelt sein müssen. Die aber dem Publikum die Möglichkeit der inneren emotionalen Teilhabe gibt, um das gesamte als eine erlebnisreiche und berührende Einheit erleben zu können. Denn das ist das große Faszinosum Oper.

Eine Regie darf und sollte dem Publikum auch die Möglichkeit von eigenen Interpretationen geben, sie aber nicht erschlagen mit übermäßiger Gewalt, mit zu viel Theaterblut und einem Übermaß an menschlichen Abgründen. Wie soll dann nur annähernd der Freiheitsgedanke und die sehnsuchtsvolle Hoffnung aufkommen und  überspringen nach dem weltbekannten Chor „Vapensiero, sull’ali dorate“ in einem Bühnengeschehen, in einer Kulisse, die irgendwie so gar nichts auf meiner inneren Gefühlsklaviatur berühren konnte? 

Almerija Delic (Fenena), Sangmin Lee (Nabucco), Fritz Steinbacher (Abdallo) ©Thonas Jauk, Stage Picture
Almerija Delic (Fenena), Sangmin Lee (Nabucco), Fritz Steinbacher (Abdallo)
©Thonas Jauk, Stage Picture

Das nach Fenenas berührendem „Oh, dischiuso è il firmamento!..“  Regisseur Herzog Sängerin und Chor unmittelbar nach Beendigung durch ein imaginäres Erschießungskommando förmlich abknallen lässt, nahm augenblicklich den Zauber dieser von Almerija Delic hinreißend gesungenen Arie und zerfetzte auch die eigentlich nachklingende Wirkung dieser zutiefst berührenden Musik gleich mit.

Wenn aber die Handlung auf der Bühne sich irgendwie so kaum mit dem Übersetzungstext der eigentlich gespielten Oper decken will, wird es schwierig. Und dann wird es irgendwann auch ärgerlich und mitunter sinnbefreit. Das mag nicht jeder so sehen. Aber das ist eben das individuelle Erleben, von dem ich zu Beginn dieser Besprechung schrieb. Diese Inszenierung hat mir nicht gefallen. Sie ließ mich noch nicht einmal ratlos zurück. 

 

Musikalisch war die Aufführung aber auf einem beachtlich hohem Niveau.

 

Wenn ich die Augen schloss und mir insgeheim wünschte, die Drehbühne möge doch irgendwann mal ihren Geist aufgeben und Verdis Musik dürfte endlich das, was sie so unverwechselbar kann: nämlich für sich und durch sich wirken, dann, ja dann, war der gestrige Abend doch noch ein großes Opernereignis.

Motonori Kobayashi / Foto@ Gerardo Garciacano
Motonori Kobayashi / Foto@ Gerardo Garciacano

Dirigent und musikalischer Leiter des Abends,  Motonori Kobayashi, seit Jahren ein Garant in Dortmund für sein äußerst gefühlvolles und empathisches Dirigat, auch und gerade im Bereich der italienischen Oper, war auch am gestrigen Abend wieder der musikalische Dreh-und Angelpunkt der Aufführung. Großartig aufspielend die Dortmunder Philharmoniker, bereits schon bei der bekannten Ouvertüre, die leider durch unnötiges Wassergeplätscher eines kitschigen Springbrunnens (was immer das auch bedeuten sollte) auf der Drehbühne  gestört wurde. Wieder mal eine feste Größe einer Dortmunder Opernaufführung: der Opernchor der Oper Dortmund. Unter der Leitung von Manuel Pujol gelang den Damen und Herren des Chores eine bedrückend schön gesungene Interpretation des so genannten „Gefangenenchores“. Aber auch den ganzen Abend hindurch wusste der Dortmunder Opernchor in Verdis Partitur zu glänzen. 

Enny Kim sang eine kraftvolle Anna, die durchaus aufhorchen liess. Den Abdallo sang gewohnt zuverlässig der Dortmunder Tenor Fritz Steinbacher. Viel Profil gab Morgan Moody seiner Rolle des Oberpriesters des Baal.

Almerija Delic (Fenena), Sangmin Lee (Nabucco), Fritz Steinbacher (Abdallo) ©Thonas Jauk, Stage Picture
Almerija Delic (Fenena), Sangmin Lee (Nabucco), Fritz Steinbacher (Abdallo)
©Thomas Jauk, Stage Picture

In der Rolle der leiblichen Königstochter Fenena war die großartige Almerija Delic zu erleben. Zu schade, dass diese Ausnahme-Mezzosopranistin in ihrer Dortmunder Zeit (sie verlässt zusammen mit Herzog nach dieser Saison die Ruhrmetropole in Richtung Nürnberg) nur in verhältnismäßig kleinen Rollen zu erleben war. Erfreulich aber, dass sie der Fenena in Verdis NABUCCO ihre Stimme verleiht und mit der bereits oben erwähnten Arie einen musikalischen Glanzpunkt der gesamten Aufführung setzte. 

Karl-Heinz Lehner, der Bayreuth-gefeierte Bass-Bariton, wurde den Erwartungen an ihn als Zaccaria mehr als gerecht. Voluminös und klangschön, bis in die Tiefe hinein, begeisterte er das Dortmunder Publikum mit seiner ganz besonderen Klasse. 

Den unglücklichen Liebhaber der Fenena sang der österreichische Tenor Thomas Paul mit viel Ausdruck, Emotion und immer sicherer Höhe und gesanglicher Durchsetzungskraft. Eine starke Leistung, die vom Publikum auch mit viel Applaus bedacht wurde.

Gabrielle Mouhlen ist die Abigaille der Dortmunder Nabucco-Inszenierung. Mit viel gesanglicher Attacke, aber auch berührenden, gesanglich zurückgenommen, Momenten hatte sie einen Dortmunder Einstand nach Maß. Bereits nach ihrer großen Szene und Arie „Anch’io dischiuso un giorno„, mit der abschließenden Cabaletta „Salgo già del trono aurato„, erhielt sie verdienten Szenenapplaus und Bravorufe vom Premierenpublikum. 

Sangmin Lee (Nabucco) /Foto mit frdl. Genehmigung ©Thonas Jauk, Stage Picture
Sangmin Lee (Nabucco) /Foto mit frdl. Genehmigung © Thonas Jauk, Stage Picture

Mit Sangmin Lee hatte die Oper Dortmund wieder einmal eine Trumpfkarte gezogen. Sein Nabucco war stimmlich überragend, voller Kraft und mit viel Ausdruck. Dabei auch äußerst wandlungsfähig in seinen reichen stimmlichen Mitteln um der Rolle in all ihren Facetten gerecht zu werden. Den gedemütigten König sang er ebenso überzeugend wie den zum Ende hin wiedererstarkten Anführer und Retter seiner Tochter Fenena. Verdienter Jubel für eine herausragende Leistung!

 

Fazit:  Musikalisch ein weiteres Verdi-Highlight in Dortmund. Große Stimmen – tolle Opernmusik – Evviva Verdi!

 

* Rezension von Detlef Obens / DAS OPERNMAGAZIN / © März 2018

4 Gedanken zu „Oper Dortmund: Musikalisch glanzvolle Premiere von Verdis Oper „NABUCCO“&8220;

  1. Volle Zustimmung! Musikalisch war es aber wirklich mitreißend. Alles andere war nix für mich. Aber hoffen wir auf den neuen Opernintendanten.

  2. I was at the première and I loved the music and the performers. They did a realy good job. The opera itself was a fiasco though. I did not liked the modern version and the bloody twists. I had not heared of the reputation of the director. If I had known it before then this newby had not visited Dortmund. I had hoped for an evening of pleasant entertainment, I left unsatisfied with a nasty feeling. Such a shame….

  3. Sorry, aber Jens-Daniel Herzog ist jetzt seit 7 Jahren an der Dortmunder Oper und man sollte ihn inzwischen kennen. Man muss mit seiner Art der Regie nicht einverstanden sein, aber dann muss man ja auch nicht hingehen!
    Was haben Sie erwartet? Dass er bei seiner letzten Premiere in Dortmund alles komplett anders macht als in den vergangenen Jahren? Und die Auslastungszahlen der Dortmunder Oper unter seiner Intendanz sprechen dafür, dass er nicht nur bei einer Minderheit ankommt.

    1. Und deshalb ist Kritik an seiner, aus öffentlichen Geldern finanzierten, künstlerischen Arbeit nicht erlaubt? Wenn Ihnen das alles gefällt, ist das Ihr gutes Recht. Meines ist es aber dann auch, zu kritisieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.