Oper Dortmund: „Let’s dance!“ – Musical „HAIRSPRAY“ begeistert auf ganzer Linie

Oper Dortmund/ HAIRSPRAY/ Marja Hennicke, Hannes Brock und Jörn Felix Alt /Foto @ Thomas Jauk
Oper Dortmund/ HAIRSPRAY/ Marja Hennicke, Hannes Brock und Jörn Felix Alt /Foto @ Thomas Jauk

Tracy Turnblad ist ein molliger Teenager mit aufgetürmten Haaren aus der  „oberen Unterschicht“  des biederen Baltimore Anfang der 1960-er Jahre. So beschreibt es treffend-überspitzt der Hairspray-Film aus 1988. Wie so viele andere Mädchen in ihrem Alter auch, ist sie ein absoluter Fan der täglichen „Corny-Collins-Show“ im lokalen Fernsehsender der Stadt. Jeden Tag wird der Wunsch größer, auch einmal zu den auserwählten stylischen Tanzkids der Show zu gehören, die in der Stadt die absoluten Teenage-Trendsetter darstellen. Die Chance ergibt sich, als eines der Mädchen aus der Show ausfällt und Moderator Corny Collins einen Liveaufruf macht, den Tracy und ihre beste Freundin Penny Pingleton vor dem heimischen Schwarz-Weiss-Fernsehapparat verfolgen. „Da muss ich hin. Ich kann genauso gut tanzen!“ – Und beide Mädchen schmieden den Plan für den kommenden Tag. Am Ende wird Tracy der ersehnte Star, der sie werden wollte, aber, und das ist ihr und auch den Machern dieses Erfolgsmusicals „HAIRSPRAY“ fast ebenso wichtig: sie wird auch ein sympathischer Rebell, der so ganz nebenbei die Rechte von Minderheiten einfordert und das über die Musik, das gemeinsame Tanzen, und damit alle Menschen um sie herum miteinander verbindet.

 

Das Erfolgsmusical HAIRSPRAY basiert auf dem Kinofilm von Drehbuchautor und Regisseur John Waters aus dem Jahre 1988 mit der einmaligen und fabelhaften Divine in der Rolle der Mutter von Tracy, Edna Turnblad. Divine, ein Schauspieler und vor allem ein Travestiestar, – mit bürgerlichen Namen Harris Glenn Milstead -, die bis heute eine feste Fangemeinde auf der Welt hat, starb im gleichen Jahre, in dem dieser Film herauskam. Den eigentlichen weiteren großen Erfolg und auch das spätere daraus resultierende Musical (2002) hat sie nicht mehr erleben dürfen.  Die Story um Tracy Turnblad, einem übergewichtigen Mädchen, das ein Star werden will und deren Mutter, die Wäsche und Bügelarbeit für andere Menschen erledigt, und ihrem Vater, der einen Scherzartikelladen im Haus unterhält. Eine ziemlich skurrile Familie und Geschichte, aber eben ein echter John Waters-Stoff. 

Anneka Dacres (Pearl), Denise Lucia Aquino (Peaches), Taryn Anne Nelson (Cindy Watkins) © Stage Pictures
Anneka Dacres (Pearl), Denise Lucia Aquino (Peaches), Taryn Anne Nelson (Cindy Watkins)
© Björn Hickmann, Stage Pictures

Die Story behandelt die damals in weiten Teilen der Vereinigten Staaten von Amerika vorherrschende Diskriminierung von Menschen dunkler Hautfarbe, die von vielen Bereichen des täglichen Lebens abgeschnitten oder ausgegrenzt waren. So ist dann auch die tägliche „Corny-Collins-Show“ eine Tanzsendung für und mit jungen „Weißen“. Trendsetterin ist die arrogante Amber Von Tussle, die auch die Tochter der Produzentin der Show ist, der noch arroganteren Velma von Tussle. Velma, die in ihrer Jugend sogar mal die Miss Krabbenkönigin (im Musical „Miss Baltimore Crabs“) war. Ja, der Ruf verpflichtet und das Töchterchen soll der Frau Mama folgen. In allem, sogar in ihre engstirnige, kleine und rassistische Gedankenwelt. Fast wäre Amber der Krabbenkönigin am Ende ins Netz gegangen. Aber eben nur fast. Denn der Plan, das Tochter Amber die  „Miss Hairspray 1962“ wird, kann nur eine schlussendlich durchkreuzen. Tracy Turnblad entreißt Amber nach einer fulminanten Aufholjagd in der Publikumsgunst  die Krone und den Titel der „Miss Hairspray“ noch auf der Zielgeraden. Und mit Tracy feiern sie alle mit. Hautfarbe ist kein Trennungsgrund mehr für die tanzbegeisterte Jugend und deren Eltern in Baltimore zu Beginn der „swinging Sixties„.

Ein unterhaltsames Musical, voll mit ernsten Anspielungen auf immer noch vorherrschende Missstände in der Welt, aber dennoch Auswege aufzeigend, wenn Menschen menschlich denken und fühlen. Das alles auf locker-leichte Weise verpackt in eine schmissige, mitreißende Musik mit erstklassigen Tanznummern.

Regie und Choreografie sind in der Dortmunder Neuinszenierung des Musicals HAIRSPRAY in einer Hand: Melissa King, international erfahrene und erfolgreiche Regisseurin und Choreografin in der Musicalszene, hat ohne die ernsten Hintergründe der Handlung vergessend, eine scheinbar leicht wirkende, erfrischende und kurzweilige Regiearbeit für das Dortmunder Theater abgeliefert. Das Frau King, die u.a. Politikwissenschaften studiert hat, der immerwährenden Problematik von verschiedenster Minderheitenunterdrückung auch viel Raum in ihrer künstlerischen Arbeit gegeben hat, sei hier ausdrücklich voller Anerkennung erwähnt.  Völlig verdient daher  der große Applaus und die Bravorufe am Ende der Aufführung für sie und ihr Regieteam.  

Durchweg glänzend die musikalische Seite der Premiere. Alle Mitwirkenden auf der Bühne waren spitze. Hier seien aber die Hauptpartien stellvertretend für das gesamte tolle Musicalensemble erwähnt:

Kammersänger Hannes Brock, der in dieser Saison seinen Abschied von der Dortmunder Bühne nimmt, war es ein besonderer Wunsch dies mit der Rolle der Edna Turnblad zelebrieren zu dürfen. Und dieser Wunsch, der doch eigentlich viel mehr ein Geschenk an das Publikum und seine Fans ist,  wurde ein  Treffer allererster Güte. Vor diesem Künstler bleibt eigentlich nur sich zu verneigen vor so viel Kreativität, Spielfreude, gesanglicher Professionalität und einer ganz besonderem Art der Rollendarbietung, die in Dortmund ganz sicher noch lange, über diese Produktion hinaus, Anerkennung und Hochachtung erhalten wird.

Hannes Brock (Edna Turnblad), Fritz Steinbacher (Wilbur Turnblad), Annakathrin Naderer (Penny Pingleton), Marie-Anjes Lumpp (Amber von Tussle), Marja Hennicke (Tracy Turnblad), Morgan Moody (Corny Collins), Jörn-Felix Alt (Link Larkin) / Foto @ Björn Hickmann, STage Pictures
Hannes Brock (Edna Turnblad), Fritz Steinbacher (Wilbur Turnblad), Annakathrin Naderer (Penny Pingleton), Marie-Anjes Lumpp (Amber von Tussle), Marja Hennicke (Tracy Turnblad), Morgan Moody (Corny Collins), Jörn-Felix Alt (Link Larkin) / Foto @ Björn Hickmann, Stage Pictures

Marja Hennicke als Tracy ist sicher derzeit die Idealbesetzung für diese Partie. Vom ersten Bühnenmoment an, bis zum glitzernden und schillernden Ende dieses mitreißenden Musicals, von enormer Präsenz, wurde auch sie am Ende von dem restlos begeisterten Publikum für ihre überragende Leistung gefeiert. Sie wurde ihrer Rolle im Stück, als der Star der sie letztlich wurde, mehr als gerecht. Kompliment für diese künstlerische Leistung!

Die Motormouth Maybelle dieser Aufführung ist die sensationelle Deborah Woodson, die mit einer großartigen „Rockröhre“ ihre nicht zu unterschätzenden Nummern sang und dabei neben großer stimmlicher Kraft auch mit sehr gefühlvollen Passagen zu überzeugen wusste.

Das arrogante Mutter/Tochter-Gespann absolut überzeugend von Sarah Schütz (Velma) und Marie-Anjes Lumpp (Amber) gesungen und gespielt. Und auch das weitere Mutter/Tochter-Gespann, diesmal Penny und Prudy Pingleton, auf ebenfalls höchstem Niveau. Hier dargestellt von Annakathrin Naderer und Johanna Schoppa.

Klasse Trio-Performances der Dynamite-Girls Anneka Dacres  (Pearl), Denise Lucia Aquino (Peaches) und Taryn Anne Nelson (Cindy Watkins). WOW!

Der Dortmunder Opernstar  Morgan Moody war auch in der Rolle des Corny Collins wie immer großartig und eine feste Größe des Dortmunder Theaters. Dieses Genre scheint ihm besonders zu liegen. Diese gespielte Leichtigkeit muss ihm erst einmal jemand so gekonnt nachmachen. 

Hannes Brock (Edna Turnblad), Fritz Steinbacher (Wilbur Turnblad) / Foto @ Björn Hickmann, Stage Pictures
Hannes Brock (Edna Turnblad), Fritz Steinbacher (Wilbur Turnblad) / Foto @ Björn Hickmann, Stage Pictures

Fritz Steinbacher, als Vater von Tracy und Ehemann von Edna, war einfach überragend! Das Duett zwischen ihm und Ks. Hannes Brock (Edna Turnblad) „Du bist zeitlos für mich“ wurde ein absoluter Höhepunkt des Abends und riss das Premierenpublikum zu einem Jubel-Geräuschpegel von bisher kaum gehörtem Ausmaß in diesem Theater hin. Völlig verdient!

Seaweed, der zu Beginn unerreichbare und attraktive Schwarm von Penny Pingleton, wurde gesungen und vor allem (!) getanzt von Michael B. Sattler. Was für ein tänzerisches Talent! Ein wirklich toller Musicaldarsteller, dem ebenfalls die Ovationen des Publikums galten.

Oper Dortmund/Musical Hairspray/ Foto @ Björn Hickmann - Stage Pictures
Sarah Schütz (Velma von Tussle), Jörn-Felix Alt (Link Larkin), Marie_Anjes Lumpp (Amber von Tussle)/ Foto @ Björn Hickmann – Stage Pictures

Dem Sonnyboy und Angebeteten von Tracy, den stets gut frisierten und immer mit reichlich Haarspray gefestigten Link Larkin, gab Jörn-Felix Alt absolut überzeugendes stimmliches und tänzerisches Profil und spielte sich ebenfalls in die Herzen des Publikums mit dieser klasse Leistung.

Die Dortmunder Philharmoniker spielten unter der glänzenden musikalischen Leitung des Abends, Philipp Armbruster, wie immer souverän, auch dieses Genre beherrschend und überzeugend, und waren damit das exquisite Sahnehäubchen auf einem tollen Stück Torte, dass uns die Oper Dortmund am gestrigen Abend kredenzt hat.

Fazit: Ein fulminanter Premierenerfolg im Dortmunder Opernhaus, der letztendlich auf vielen Beinen steht. Angefangen von den vielen professionellen Solisten auf der Bühne, dem Orchester, dem Dirigenten des Abends, der tollen Regie und den teilweise sensationellen choreografischen Einfällen. Das Publikum im vollen Dortmunder Opernhaus sprang noch während der Finalnummer „wie ein Mann“ von den Sitzen auf und feierte minutenlang lautstark und frenetisch alle an dieser Dortmunder Neuproduktion Beteiligten.

 

 

 

Musical HAIRSPRAY: Musical von Marc Shaiman. Buch von M. O’Donnell und Th. Meehan. Songtexte von S. Wittman und M. Shaiman. Dt. Fassung von J. Ingwersen (Dialoge) und H. Wohlgemuth (Songs)

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