Oper Dortmund: Händels Oper RINALDO – Barockkrimi vom Feinsten

Tamara Weimerich (Almirena), Ileana Mateescu (Rinaldo), Eleonore Marguerre (Armida) ©Thomas M. Jauk / Stage Picture
Tamara Weimerich (Almirena), Ileana Mateescu (Rinaldo), Eleonore Marguerre (Armida)
©Thomas M. Jauk / Stage Picture

Wer der Meinung ist eine Barockoper sei langweilig, dem sei die Dortmunder Inszenierung von Händels knapp 300 Jahre alter Oper RINALDO empfohlen. Drei Stunden klassische Opernmusik vom Feinsten, dazu verpackt in eine beschwingte, kurzweilige Regie fand am gestrigen Premierenabend im Dortmunder Opernhaus uneingeschränkten Zuspruch vom Publikum. Viel Jubel und Beifall für alle Beteiligten der Dortmunder Neuproduktion. 

In Zürich und Bonn gab es diesen RINALDO bereits schon zu sehen. Nun zeigt Jens-Daniel Herzog seine Inszenierung dem Dortmunder Publikum.  Eine Inszenierung mit einem Füllhorn an Regieeinfällen, die Herzog  über „seinen“ RINALDO förmlich regnen lässt.  Mitunter an der einen oder anderen Stelle auch mal ein wenig zu viel der Fülle,  aber in der Gesamtbetrachtung  eine sehr interessante Auslegung dieses klassischen Opernstoffes aus Liebe, Drama, Schmerz und Happy-End.

Rinaldo ist Händels erste Oper die er in England schrieb. Er veröffentlichte sie im Jahre 1711 in London mit großem Erfolg. Ein für die damalige Zeit mutiger Stoff aus Zaubergeschichten und Kriegsdrama. Im Mittelpunkt der Handlung steht  Rinaldo, ein christlicher Ritter, der bis nach Jerusalem vorgerückt ist. Almirena, seine Geliebte, gerät dort in Gefangenschaft der bösen und mächtigen Zauberin Armida, der Königin von Damaskus,  und wird zum Spielball der feindlichen Lager. Aber am Ende gibt es nach vielen Irrungen und Wirrungen ein Happy End. Das macht die Barockoper ebenso aus,  wie ihre atemberaubenden Ansprüche an die Gesangskunst, die das Publikum über die Jahrhunderte hinweg immer begeisterte.

Der Dortmunder Intendant Herzog verlegt die Handlung aus der Zeit der Kreuzzüge in die Gegenwart. Kulisse ( Bühne+Kostüme: Christian Schmidt) dafür ist eine Art von Flughafenlounge, die Herzog geschickt auf der großen Dortmunder Drehbühne in Szene setzt. So treten Rinaldo und seine Gefolgschaft als geschäftsmäßig gelangweilte Businessmänner in dunklen uniformen Anzügen auf. Seine Gegner, die Sarazenen, tragen landestypische Kopfbekleidung. Herzog lässt sein Ensemble mit großer Spiellust agieren, baut überaus geschickt tänzerische Elemente mit ein (Choreografie: Ramses Sigl) und verwendet auch das künstlerische Stilmittel der Pantomime um seine Übersetzung des Stoffes dem Premierenpublikum nahe zu bringen. Das geht voll auf. Wie er am Ende des ersten Aktes die Möglichkeit der Drehbühne nutzt ist unbeschreiblich und in höchstem Masse sehenswert. Wahre Begeisterung danach, welcher nur noch vom Schlussjubel übertroffen wird. Herzog scheint wirklich derzeit einen guten Lauf zu haben. Er darf, und er ist es wohl auch, stolz auf sein Dortmunder Opernensemble sein.

Der Dirigent Motonori Kobayashi / Foto @Paul Galke
Der Dirigent Motonori Kobayashi / Foto @Paul Galke

Musikalisch begeistert dieser RINALDO  das Publikum in höchstem Maße. Herausragend hierbei der musikalische Leiter des Abends, der Dirigent Motonori Kobayashi. Kobayashi, Dortmunds stellvertretender Generalmusikdirektor, hat die Dortmunder Philharmoniker (am Cembalo: Walewein Witten) einen wundervoll feinfühligen und klangschönen Händel erklingen und spielen lassen und führte die Sängerinnen und Sänger auf der Bühnen tadellos  durch die vielfach höchst anspruchsvollen Klippen der Partitur. Mit RINALDO ist Motonori Kobayashi ein weiterer musikalischer Glanzpunkt nach seinem vielfach hochgelobten LA TRAVIATA-Dirigat in Folge gelungen.

Auch gesanglich wurde das Dortmunder Publikum ein weiteres Mal verwöhnt.

Gerardo Garciacano (Argante), Kathrin Leidig (Goffredo), Ileana Mateescu (Rinaldo), Eleonore Marguerre (Armida), Tamara Weimerich (Almirena), Jakob Huppmann (Eustazio) ©Thomas M. Jauk / Stage Picture
Gerardo Garciacano (Argante), Kathrin Leidig (Goffredo), Ileana Mateescu (Rinaldo), Eleonore Marguerre (Armida), Tamara Weimerich (Almirena), Jakob Huppmann (Eustazio)
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Tamara Weimerich als Almirena überzeugte auf ganzer Linie und wurde zu einer der tragenden Säulen der Inszenierung. Sie hatte einen wirklich großen Abend. Die edle und technisch makellose Darbietung der Arie „Lascia ch’io pianga“, dem wohl bekanntesten Stück der gesamten Oper, gestaltete die junge Sopranistin zu einem wahren Juwel der Aufführung.

Kathrin Leidig (Goffredo), hatte diese Partie bereits erfolgreich in Bonn gesungen und wiederholte dies in Dortmund souverän. Mit Gerardo Garciacano hat das Herzog-Ensemble einen äußerst spiel- und sangesfreudigen Argante. Sein komödiantisches Talent hat der sympathische Bariton mal wieder tatkräftig unter Beweis stellen können. Auch er auf stimmlich hohem Händel-Niveau.

Mit Jakob Huppmann (Eustazio), stand endlich mal wieder ein Countertenor von Klasse auf der Dortmunder Bühne. Seine Arien sang er mit mit feiner und barocker Linie, ganz im Sinne Händels. Dazu gestaltete er mit großer Spielfreude seine Partie. Den Magier gab Marie Hiefinger. Sie stellte ihn als Flughafen-Reinigungskraft dar, die minutenlang stumm auf der Drehbühne verweilt um dann ihren Einsatz mit ihrer Arie zu haben. Die „Dame“ sang Brigitte Schierlinger präzise und mit kräftigem Ton. Sekundiert wurde sie von den beiden „Sirenen“ Keiko Matsumoto und Susann Kalauka.

Ileana Mateescu (Rinaldo) und Tänzerinnen ©Thomas M. Jauk / Stage Picture
Ileana Mateescu (Rinaldo) und Tänzerinnen
©Thomas M. Jauk / Stage Picture

Mit Ileana Mateescu als Titelheld Rinaldo hat die Oper Dortmund voll ins Schwarze getroffen. Die rumänische Mezzosopranistin schien sich in ihrer Hosenrolle mal wieder richtig wohl zu fühlen. „Dortmunds derzeit schönster Mann„, wie Intendant Herzog auf der anschließenden Premierenfeier über Frau Mateescu in ihrer Rolle als Rinaldo befand, war voll im Element. Ihre Arien und Duette waren Höhepunkte der Aufführung. Offenbar liegt ihr der barocke Gesangsstil und kommt ihrer stimmlichen Veranlagung sehr entgegen.

Eleonore Marguerre (Armida) und Tänzerinnen ©Thomas M. Jauk / Stage Picture
Eleonore Marguerre (Armida) und Tänzerinnen
©Thomas M. Jauk / Stage Picture

Was Eleonore Marguerre als Zauberin Armida dem Premierenpublikum am gestrigen Abend bot, stand ihrer Leistung als Dortmunder Violetta in LA TRAVIATA in nichts nach. In beiden Partien setzte sie neue und große Maßstäbe für das Opernhaus der Ruhrmetropole. Vom ersten Einsatz an, bis hin zum fulminanten Finale der Operninszenierung, stand mit Frau Marguerre eine Sopranistin von internationalem Rang auf der Bühne. Wer, wie Eleonore Marguerre, diese beiden äußerst schwierigen Partien (Armida und Violetta) zeitnah auf einem derart hohen Niveau singt und spielt, hat sich das Prädikat Weltklasse verdient.

Info: Weitere Termine und Kartenvorverkauf HIER

Titelfoto: Ileana Mateescu (Rinaldo)
©Thomas M. Jauk / Stage Picture

(c) Detlef Obens 2016

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