Musiktheater im Revier: OH NORMA! – Umjubelte Opernpremiere im Gelsenkirchener Opernhaus

Hrachuhí Bassénz als NORMA
Hrachuhí Bassénz als NORMA

Vincenzo Bellinis Oper NORMA darf zu recht zu den ganz großen Meisterwerken der Operngeschichte gezählt werden. Wie wohl kaum eine andere italienische Oper steht sie für den Begriff des „Belcanto“.  Eine Komposition von edler Schönheit, zart-intimen Momenten, aber auch dramatischen Ausbrüchen von höchster musikalischer Güte. An die Interpretin der NORMA stellt Bellini dabei allerhöchste Ansprüche. Diese Sopranpartie gilt als eine der anspruchsvollsten überhaupt. Gelsenkirchen darf sich glücklich schätzen mit  Hrachuhí Bassénz eine Norma von internationaler Klasse aufbieten zu können. Ihr Rollendebüt war beeindruckend und wurde vom Premierenpublikum hoch verdient bejubelt.

Die Handlung in der kritischen Neuausgabe

Das MiR zeigt die Oper in der kritischen Neuausgabe von Maurizio Biondi und Riccardo Minasi (in Zusammenarbeit mit Franczesco Izzo) als szenische Deutsche Erstaufführung, der das handschriftliche Manuskript Bellinis zugrunde liegt. In dieser Neuausgabe finden sich einige bisher nicht bekannte Details wieder. So unter anderem, dass die Partie der Adalgisa, in aller Regel gesungen von einem Mezzo, in dieser Fassung durch einen hell timbrierten Sopran besetzt ist. Im Zusammenklang mit dem in dieser Neuausgabe tiefer konzipierten Sopran der Norma werden insbesondere deren Duettszenen für die Zuhörer dramatischer und teilweise packender herausgestellt. Die Partie des Flavio, dem Vertrauten des Pollione, ist in der Gelsenkirchener Aufführung mit gesprochenem Text versehen. Das Programmheft des MiR beschreibt diese Partie als „Grenzgänger zwischen den Welten“, der an fünf Stellen der Oper Texte von Pier Paolo Pasolini ( 1922-1975) rezitiert. Deklamatorisch und überzeugend dargestellt von Lars-Oliver Rühl als Flavio.

Alfia Kamalova als Adalgisa und Hrachuhí Bassénz als Norma
Alfia Kamalova als Adalgisa und Hrachuhí Bassénz als Norma

Die Oper spielt in Gallien, zur Zeit der römischen Besatzung. Die gallischen Krieger erwarten von ihren Druiden­pries­tern einen Hinweis da­rauf, dass die Göttin Irminsul mit dem Kampf gegen die Römer einverstan­den ist. Die Priesterin Norma zögert aber und verkündet ihrem Volk das die Zeit für den Kampf noch nicht gekommen sei. Dabei ist sie in einem inne­ren Konflikt, denn sie hat ihr Keuschheitsgelübde gebrochen und ist seit einiger Zeit die Ge­liebte des römischen Prokonsuls Pollione, mit dem sie auch zwei uneheliche Kinder hat.  Sie entdeckt zudem, dass Pollione sich in die Novizin Adalgisa verliebt hat,  woraufhin Norma ihm Rache schwört. So gibt sie das Signal zum Angriff auf die römischen Besatzer. Letztendlich aber erkennt Norma  ihre eigene Schwäche als Fehler, verschont Pollione und Adalgisa vor ihrer Rache und verurteilt sich selbst zum Tode durch das Feuer. Pollione folgt ihr in den Tod. Adalgisa bleibt mit den Kindern der beiden zurück.

Regie, zeitlos aktuelle Gegenwart, psychologisch, stark

Elisabeth Stöppler inszeniert Bellinis tragische Oper NORMA als das, was es letztlich ist: ein wahrhaft klassisches Eifersuchtsdrama zwischen einem Mann und zwei Frauen. Sie versetzt die Handlung in eine Art zeitloser und dabei auch aktueller Gegenwart, spielt dabei geschickt mit Elementen aus der Zeit der eigentlichen Handlung und setzt visuell starke Akzente, die Gemälden, auch aus der christlichen Epoche, gleichkommen. Der Auftritt einer nackten Novizin, die im ersten Akt der Oper auf dem Altar der Gottheit geopfert werden sollte, aber dann von Norma verschont wurde, mag bei einigen Fragen der Sinnhaftigkeit hinterlassen haben. Aber schlüssig wurde es im Finale der Oper. In dem Moment, wo Norma sich und ihrem Volk ihren Fehler eingesteht, sich quasi nackt, verletzbar und nicht mehr „gott-gleich“ präsentierte, sah die nackte Novizin aus einer Ecke heraus zu. Fast einem Psychodrama gleich,  Normas Alter Ego. Zusammen mit Hermann Feuchter (Bühnenbild) und Nicole Pleuler (Kostüme) setzte Elisabeth Stöppler dieses musikalische Bühnenwerk in spannender, emotionaler und nachvollziehbarer Manier um.

Begeisterung für das gesamte musikalische Ensemble

Der Opernchor und der Extrachor des Musiktheaters im Revier (Einstudierung Christian Jeub) wurden zu einem elementaren Bestandteil dieser Gelsenkirchener-Mainzer Opern-Koproduktion und meisterten ihre Aufgaben vorzüglich.

Die musikalische Gesamtleitung des Abends lag bei Valtteri Rauhalammi der die Neue Philharmonie Westfalen, als auch die Solisten und das gesamte Bühnenensemble souverän durch die Partitur führte und dabei Vincenzo Bellinis Werk in einem wohltuend ansprechenden Tempo, da nicht zu schleppend, dirigierte. Völlig verdienter großer Applaus für Orchester und Dirigent.

Norma ist immer auch  eine ganz besondere Herausforderung für die agierenden Solisten der Oper. Bellini hat seine einzelnen Partien melodisch reich versehen und gleichzeitig auch deren Schwierigkeitsgrad anspruchsvoll angesetzt. Dies gilt insbesondere für die beiden weiblichen Partien der Norma und der Adalgisa.

Alfia Kamalova als Adalgisa und Hongjae Lim als Pollione
Alfia Kamalova als Adalgisa und Hongjae Lim als Pollione

Der junge Tenor Hongjae Lim ist in der Gelsenkirchener Inszenierung Normas und Adalgisas Geliebter Pollione. Er stellte diese Rolle des eher leichtfertigen handelnden römischen Konsuls mit viel Körpereinsatz spielfreudig dar. Zu Beginn noch ein wenig stimmlich bedeckt, wuchs Hongjae Lim im Laufe des Abends zunehmend mehr in seine schwierige Rolle hinein und hatte seine stärksten Momente im zweiten Akt, insbesondere in der Szene Norma-Pollione.

Oroveso, der Vater Normas, verlieh der koreanische Bass Dong-Won Seo Ausdruck und Kraft. Eindringlich auch im großen Finale der Oper beim Zusammentreffen mit seiner Tochter und seinen ihm bis dato unbekannten Enkelkindern (toll gespielt und dargestellt von den Zwillingsschwestern Lili und Mona Lenz).

Mit Alfia Kamalova hat das Musiktheater im Revier eine Adalgisa erster Güte in seinem Ensemble. Die in Estland geborene Sopranistin verlieh ihrer Partie ebenso viel Gefühl wie Stimme. Eine großartige Leistung der seit 2008 am MiR engagierten Sopranistin. Ihre Duette mit Norma gehörten zweifelsohne zu den Höhepunkten des Opernabends. Am Ende großer Applaus und Bravorufe für eine wirklich großartige Gesamtleistung.

Hrachuhí Bassénz als NORMA
Hrachuhí Bassénz als NORMA

Hrachuhí Bassénz ist Gelsenkirchens Norma! Die an der Oper Nürnberg engagierte Sopranistin kehrte nach 8 Jahren auf die Bühne des MiR als Gast zurück und gab dort am gestrigen Abend ihr vom Publikum frenetisch gefeiertes NORMA-Debüt. Bereits noch vor Beginn der Oper, beim Einlass des Publikums in den Saal,  saß sie konzentriert auf einer Empore des offenen Bühnenbildes und war gedanklich bereits in ihrer Rolle vertieft. Ihre innere Anspannung war höchstens zu erahnen. Frau Bassénz ging die Gesangspartie ruhig und überlegt an und hatte dann mit der berührend und mit langem Atem vorgetragenen Auftrittsarie „Casta Diva“ einen ersten Glanzpunkt des Abends gesetzt. Sie steigerte sich im Verlauf des ersten Aktes immer mehr und krönte das Finale dieses Aktes mit einem alles überstrahlenden und sicheren Spitzenton. Das Premierenpublikum war bereits zur Pause begeistert. Im zweiten Akt erfolgte sogar noch eine Steigerung der aus Armenien stammenden Sopranistin. Sie wuchs immer mehr, auch schauspielerisch, in die Rolle der Norma hinein und meisterte die technischen Klippen der enorm schweren Sopranpartie hervorragend. Einhelliger Jubel und Ovationen für Hrachuhí Bassénz waren dann der verdiente Lohn für ihre großartige Leistung.

Das Gelsenkirchener Publikum feierte am Ende der Premiere die Sängerinnen und Sänger, Orchester, Chor und Dirigenten, ebenso wie die Regie, für einen ganz besonderen Abend im Großen Haus am Kennedyplatz in Gelsenkirchen.

Hrachuhi Bassenz als NORMA /Musiktheater im Revier / Foto@ Pedro Malinowkski
Hrachuhi Bassenz als NORMA /Musiktheater im Revier / Foto@ Pedro Malinowkski

Fazit: „Gefühlskraftwerk Oper“ schreibt das MiR selbst auf seiner Facebookseite im Anschluss an die gefeierte Norma-Premiere. Das ist ein so idealer Begriff für das Opern-Erlebnis NORMA im MiR, das auch ich es 100%-ig hier übernehmen kann. NORMA im Gelsenkirchener MiR – ein echtes Belcantofest!

*Fotos: Musiktheater im Revier, alle Foto @  Karl und Monika Forster

*Weitere Infos, Termine, Karten HIER

 

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