MiR Gelsenkirchen/ DER LIEBESTRANK/ Ibrahim Yesilay/ Foto @ Pedro Malinowski

MiR Gelsenkirchen: Donizettis „DER LIEBESTRANK“ – Viel Farbe, viel Action und noch mehr schöne Musik!

Musiktheater im Revier /GH/Foto @ Pedro Malinowski

Das Gelsenkirchener Musiktheater, das gern von sich – und dieses wohl nicht zu Unrecht – behauptet, das schönste Opernhaus im Revier zu sein, darf nun auch von sich behaupten, das vermutlich beste LIEBESTRANK-Liebespaar im Revier zu haben. Und mit dieser Behauptung wären sie sogar sehr bescheiden. Denn mit Dongmin Lee als Adina und Ibrahim Yesilay als Nemorino verfügt das Gelsenkirchener MiR über ein absolut kongeniales Traumpaar für Donizettis heitere Oper, welches auch weit über das Revier, und über NRW hinaus, das Publikum begeistern würde. DER LIEBESTRANK in Gelsenkirchen – ein mitunter herrlich überdrehter Opernspaß fürs Auge und ein Genuss fürs Ohr

 

An die vielen Farben auf der Bühne und die ständigen körperlichen Aktionen des Chores und der Statisten musste sich das Auge erst allmählich gewöhnen, um sich dann an dem, was sich Regisseur und MiR-Intendant Michael Schulz für seinen Liebestrank ausgedacht hat, vergnüglich amüsieren zu können. Ein wenig hatte es was von Jahrmarkt, von Commedia dell’arte, von Tanzschule der 30-er Jahre und doch auch das gewisse, feine und mediterran wirkende italienische Ambiente, was da auf der Bühne (Bühne: Dirk Becker, Kostüme: Renée Listerdal) zu sehen und zu erleben war. Alles spielte sich in einem großen Raum ab, der mit vielen Tischen und Stühlen bestückt ist. Tische mit Nummernlämpchen drauf, die einen Hauch von Verruchtheit vermitteln. Gibt doch auch Adina zu, sich täglich neu zu verlieben und ihre Vertraute Giannetta steht ihr da in nichts nach. Nur, dass diese viel direkter im Umgang mit dem anderen Geschlecht ist und jede sich ihr bietende Gelegenheit nutzt. Schulz schöpft dabei aus dem Vollen. Das opulente Bühnenbild ist bei ihm immer in Bewegung. Da gibt es gleich 8 Belcores, die den „echten“ Belcore bei jeder seiner Handlungen imitieren und flankieren. Da gibt es zwei tanzende Paare, die fast während der gesamten Oper in schwelgerischen Bewegungen zur eingängigen Donizetti-Musik dahin tanzen und dann ist da noch der irgendwie einsam und unglücklich verliebt wirkende Pianospieler (toll gespielt von Askan Geisler), der ständig einen Luftballon mit Botschaft steigen lässt und dessen Träume immer wieder aufs neue förmlich platzen.

MiR Gelsenkirchen/ DER LIEBESTRANK/ / Foto @ Pedro Malinowski
MiR Gelsenkirchen/ DER LIEBESTRANK/ / Foto @ Pedro Malinowski

Das Publikum hatte an all dem seine Freude und seinen Spaß. Und geht es nicht letztendlich darum zu unterhalten? Ich finde ja. Denn wer unterhält hat recht. Besonders tiefsinnige Erkenntnisse sucht man in einer LIEBESTRANK-Inszenierung zumeist vergebens. Ist auch bestimmt nicht so von Donizetti gewollt. Hier geht es um Spaß, Unterhaltung, Lebensfreude und einen Schuss Sentimentalität, welche aber dann doch zum erwarteten Happy-End führt. All das zeigt Michael Schulz in seiner Inszenierung dieses Opern-Dauerbrenners und fährt damit für das Musiktheater im Revier, und auch für sich persönlich, einen Erfolg ein. 

Alles für die Handlung um den vermeintlichen Liebestrank, den der unglücklich verliebte Nemorino von seinem letzten Geld ersteht um die seit langem angebetete Adina damit endlich erobern zu können. Natürlich war in der Flasche alles andere als ein Elixier, welches Liebesträume erfüllen kann, aber der reisende Händler Dulcamara fand in dem naiven Bauernjungen ein recht gutgläubiges Opfer. Und doch erfüllen sich Nemorinos Träume am Ende ganz ohne „Isoldes Liebestrank“ auf romantische und einfache Weise. Weder bedurfte es Geld, noch billigen Wein oder sonstiger Intrigen, um am Ende der Oper Nemorinos schönste Träume von Amore Wirklichkeit werden zu lassen. 

MiR Gelsenkirchen/ DER LIEBESTRANK/ / Foto @ Pedro Malinowski

Wer Donizettis Musik liebt sollte Gelsenkirchen auf seinem aktuellen Terminplaner vermerken. Denn was hier, vor allem gesanglich, geboten wird, ist schon weitaus mehr als beachtlich. 

Zunächst sei da der Opernchor und Extrachor des MiR zu nennen. Traditionell beim LIEBESTRANK besonders gefordert ist der Chor ein wichtiger Bestandteil dieser 1832 in Mailand uraufgeführten Opera buffa. Chorchef Alexander Eberle hat die Damen und Herren seines Chores  um ein weiteres Mal großartig vorbereitet und sie zu einem wichtigen Bestandteil dieser Inszenierung werden lassen. Großer Jubel des Publikums für Chor und Chordirektor waren der verdiente Dank! 

Mezzosopranistin Lina Hoffmann, Mitglied des Jungen Ensemble am MiR, spielte eine bewusst kokette Giannetta und lies dabei stimmlich aufhorchen. Wieder mal ein Beleg dafür, dass auch die sogenannten „kleinen Partien“ wichtig für die gesamte Oper sind. Ein tolles Rollendebüt!

Den Dulcamara sang Joachim Gabriel Maaß gewohnt souverän und mit einer gehörigen Portion Schlitzohrigkeit in Ausdruck und Stimme. Sein „Verkaufsgespräch“ mit Nemorino war ganz sicher einer der Höhepunkte des Abends.

MiR Gelsenkirchen/ DER LIEBESTRANK/Dongmin Lee und Ibrahim Yesilay / Foto @ Pedro Malinowski
MiR Gelsenkirchen/ DER LIEBESTRANK/Dongmin Lee und Ibrahim Yesilay / Foto @ Pedro Malinowski

Michael Dahmen, seit Jahren ist der Bariton eine feste Größe des Musiktheaters im Revier, war auch am gestrigen Abend wieder in bestechender Form. Dem Belcore verlieh er komödiantische Züge und gestaltete die Partie gesanglich wieder einmal auf gewohnt hohem Niveau. Dahmen, für mich an jedem bisher erlebten Abend, ein stimmlicher Genuss. Das Staatstheater in Mainz darf sich freuen. Dort wird er ab der neuen Saison engagiert sein.

Die Adina ist eine Paraderolle für eine lyrische  Sopranistin. Scheinbar voller Leichtigkeit ist sie doch eine Partie, die der Sängerin viel abverlangt, will sie mit ihr überzeugen. Und das gelang der jungen Südkoreanerin Dongmin Lee am gestrigen Premierenabend in Gelsenkirchen bravourös. Hell, glockenklar und geschmeidig klingt ihre Stimme, dass auch noch bis in  die gesanglichen Höhen dieser Rolle. Geschmeidige, scheinbar mühelos, gesungene Koloraturen und dazu noch eine bemerkenswerte schauspielerische Leistung hinterlassen einen überaus großartigen Gesamteindruck. Natürlich verdienter Jubel für Dongmin Lee!

Den Jubel erntete aber auch Ibrahim Yesilay in seinem Debüt als Nemorino. Und was war das für ein Debüt! Bravorufe bereits nach seiner großen Arie im 2. Akt „Una furtiva lagrima“, in die er viel Gefühl und noch mehr Stimme hineinlegte und das Publikum schier begeisterte. Aber das war sicher nur ein Höhepunkt seiner Gesamtleistung als Nemorino. Diese Partie ist ihm wie auf den Leib geschneidert. Er lebt diesen jungen und naiven Bauern geradezu auf der Bühne und man fühlt und träumt und freut sich mit ihm. In jedem Moment der Geschichte. Und gesanglich macht Yesilay seinen Nemorino ohnehin zu einem Ereignis und zu einem Geschenk für Opernfans.  Für mich, ohne Zweifel, einer der derzeit vielversprechendsten Tenöre auf deutschen Bühnen mit glänzenden Zukunftsaussichten. Da wundert es nicht, dass Ibrahim Yesilay ab der nächsten Saison neues Ensemblemitglied der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf-Duisburg ist. Wer ihn noch in Gelsenkirchen erleben will, sollte sich die Folgetermine unbedingt vormerken.

MiR Gelsenkirchen/ DER LIEBESTRANK/ / Foto @ Pedro Malinowski

Die musikalische Leitung der Opernaufführung hatte der australische Dirigent Thomas Rimes, der mit viel Verve und Esprit Donizettis heiteres Werk spielen liess und neben den glänzenden Solisten und dem Chor auf der Bühne die bestens aufgelegte und präzise spielende Neue Philharmonie Westfalen durch den Premierenabend führte. Auch für ihn und das Orchester vom Publikum viel Applaus und Ovationen. Thomas Rimes wird alternierend mit der Dirigentin Yura Yang die weiteren Aufführungen dieser Oper leiten.

Donizetti feiert gerade auf vielen europäischen Bühnen Erfolge. Gelsenkirchen ist nun eine von ihnen. Der Besuch des LIEBESTRANKES im, wie sagen sie selbst stolz über sich, -„schönsten Opernhaus im Revier„-, lohnt allemal! 

 

 

  • Rezension der besuchten Premiere am 5.5.2018 von © Detlef Obens / DAS OPERNMAGAZIN
  • „L‘elisir d‘amore“ („Der Liebestrank“) Oper von Gaetano Donizetti- Premiere am 5. Mai 2018 im MiR Gelsenkirchen
  • Weitere Infos, Termine und Karten unter DIESEM LINK
  • Titelfoto: MiR Gelsenkirchen/ DER LIEBESTRANK/ Ibrahim Yesilay/ Foto @ Pedro Malinowski
  • Impressionen von der Premiere, dem Schlussapplaus und der anschliessenden Premierenfeier:

 

 

 

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