Garrie Davislim, Stephan Klemm, Chor © Oliver Berg

„Herbst-König“ – DON CARLO.EIN REQUIEM – Bedeutsame Premiere der Verdi-Oper im Theater Münster

Christoph Stegemann, Stephan Klemm © Oliver Berg
Christoph Stegemann, Stephan Klemm
© Oliver Berg

Herbstlaub lässt König Philipp II. von Spanien am Ende auf die fallen, die er überleben musste, um selbst im Herbst seines Lebens stehend den eigenen Zerfall noch ein wenig aufhalten zu können. Dem neben ihm stehenden Großinquisitor bleibt allein seine nicht von Gott, sondern vielmehr nur durch machtgierige Menschen gegebene Allmacht, die doch nur Ohnmacht so gleich kommt. Und mit einem großartigen Satz von Alfred Schnittkes REQUIEM endet diese finale Szene in Verdis DON CARLO musikalisch fesselnd und auf beeindruckende Art überwältigend. Das Theater Münster hat mit der Zusammenfügung von Verdis DON CARLO und Schnittkes REQUIEM ein künstlerisches Wagnis vollzogen. Und es wurde ein bedeutsamer Opernabend. Es wurde DON CARLO.EIN REQUIEM. (Bericht der Premiere vom 7.10.2017 im Großen Haus, Theater Münster)

Herbst ist allgegenwärtig in dieser Inszenierung von Ulrich Peters. Der Münsteraner Generalintendant übernahm die Regie für Verdis großes Meisterwerk seiner späteren Schaffensperiode. Peters stellt König Philipp in den Mittelpunkt seiner Inszenierung, den er, wie er im Programmheft für diese Inszenierung ausführt, für die bemerkenswerteste Figur der Handlung hält. Ein König, gefangen im eigenen System, geknechtet durch die Römische Kirche und ihrer inhumanen Inquisition, und sich verraten und enttäuscht von den Menschen fühlend, die ihm aus seinem Verständnis heraus nahestehen sollten.

Filippo II. (Stefan Klemm), Prinzessin Eboli (Monika Walerowicz), Elisabetta von Valois (Kristi-Anna Isene), Rodrigo Marquis von Posa (Filippo Bettoschi) / Foto @ Oliver Berg
Filippo II. (Stefan Klemm), Prinzessin Eboli (Monika Walerowicz),Elisabetta von Valois (Kristi-Anna Isene), Rodrigo Marquis von Posa (Filippo Bettoschi) / Foto @ Oliver Berg

Es ist Herbst. Die Farben auf der Bühne, das Licht, das viele herumliegende und aufgetürmte Herbstlaub, welches auch vereinzelt aber kontinuierlich vom Bühnenhimmel hinunterfällt, signalisieren in dieser Inszenierung den Übergang in die letzte Jahreszeit. Den Winter. Monate der Kälte, die Zeit der kurzen Tage, Nächte die früh beginnen, schlafende Natur und letztlich den Übergang in den Frühling, das große Erwachen. Den Frühling erleben bleibt ein unerfüllbarer Wunsch all jener Menschen, die ihm, dem König von Spanien, vermeintlich nah waren. Er selbst bleibt scheinbar regungslos in seinem royalen Schicksal zurück. Im dauerhaften Herbst, ohne Aussicht auf Frühling.

Das Peters diese Momente der scheinbaren majestätischen Macht mit Stücken aus Schnittkes genialem REQUIEM musikalisch unterlegt, nein vielmehr im tieferen Sinne deutet, macht diese Münsteraner Premiere zu etwas besonderem. Er hat Verdis DON CARLO nichts genommen, er hat ihm eigentlich nur etwas gegeben. Auch wenn es ein Teil des Publikums nicht so gesehen und erlebt hat. Vielleicht sollte ein weiterer Besuch dieser Inszenierung Anlass dazu sein Fragen und Zweifel zu beantworten und auszuräumen.

Das Bühnenbild von Rifail Ajdarpasic in dominierenden Holz- und Erdtönen, Farben der dritten Jahreszeit und viel Raum und Möglichkeiten für Auftritte und Abgänge, vermittelt die düstere Grundstimmung in diesem Drama auf anschauliche Art. Die dazu gestalteten Kostüme von Ariane Isabell Unfried passten sich, nicht nur im historischen Kontext, der Idee der, bei näherer Betrachtung, sicher nicht konventionellen Inszenierung kongenial an. Zwar waren an einigen Stellen die Bewegungsabläufe der Protagonisten ein wenig hektisch wirkend, wo sie an anderer Stelle vielleicht als eher zu passiv, ja statisch, zu sehen waren. Aber dies sei auch einer allgemeinen Premierensituation geschuldet, die in erster Linie den Solisten eine Menge abverlangt.

Musikalisch zeigte sich das Theater Münster von einem beachtlichen Niveau.

Stephan Klemm, Opernchor © Oliver Berg
Stephan Klemm, Opernchor © Oliver Berg

Opernchor und Extrachor des Theater Münster waren nicht allein schon durch Verdis Partitur sehr gefordert, vielmehr konnte die hohe Qualität des Chores noch durch die Auszüge aus Schnittkes REQUIEM überdeutlich belegt werden. Inna Batyuk, verantwortlich für den Chor und seine Einstudierung, darf sehr zufrieden mit sich und ihren Damen und Herren vom Münsteraner Chor auf diese Leistung schauen. Viel Applaus und Bravorufe vom Publikum waren der verdiente Lohn.

Youn-Seong Shim als Graf Lerma und Kathrin Filip als Gräfin d’Aremberg/Tebaldo, als auch Christoph Stegemann, in der Partie des Großinquisitors, fügten sich in ein insgesamt beachtliches Verdiensemble ihren Rollen gemäß adäquat ein.

Filippo Bettoschi sang einen klangschönen Rodrigo (Marquis Posa) und hatte sicher seinen größten Moment in „Posas Tod“ im vorletzten Bild. Hier liess der italienische Bariton seiner Stimme dann auch freien Lauf und machte dies zu einem der besonderen Höhepunkte der Aufführung. Monika Walerowicz als Prinzessin Eboli gestalte diese besondere Mezzosopranrolle mit all ihrem Können und ihrer Erfahrung. Für ihre Interpretation der bekannten Arie „O don fatale“ erntete sie Bravorufe vom Premierenpublikum und wurde auch am Ende der Oper begeistert gefeiert.

Kristi-Anna Isene, Garrie Davislim © Oliver Berg
Kristi-Anna Isene, Garrie Davislim © Oliver Berg

Kristi-Anna Isene als unglückliche Elisabeth von Valois, verlieh dieser sehr anspruchsvollen Sopranpartie anrührende Augenblicke und dramatische Höhepunkte. Ihre Arie im letzten Akt der Oper „Tu che le vanità (conoscesti del mondo)“, immer auch eine besondere Herausforderung nach fast 4 Stunden Oper, gestaltete sie ergreifend schön und überzeugend.

Den Infanten von Spanien, Don Carlos, sang in Münster Garrie Davislim mit heldentenoralen Tönen und Durchsetzungsfähigkeit in der Stimme. Er sang ihn kraftvoll, aber dabei auch voller Gefühl und war gesanglich besonders präsent in den Duetten mit Marquis Posa und im zweiten Akt, als er sich gegen seinen Vater, den König, stellt.

Stephan Klemm ist ein großartiger Philipp II.. Klemm gestaltete diese Basspartie zum ersten Mal auf der Bühne und es ist ihm gelungen, ein sowohl musikalisch, wie auch darstellerisch, höchst bemerkenswertes Debüt geschafft zu haben. Seine Momente waren jeweils Höhepunkte des Abends. Den Glanzpunkt setzte er mit seiner hinreißend gesungenen Arie Ella giammai m’amò !“.

Das Sinfonieorchester Münster konnte und durfte, ähnlich dem Chor, seine große Qualität als Klangkörper dank Verdis Partitur und Schnittkes Requiem-Auszügen unter Beweis stellen und wurde für seine besondere Leistung vom Publikum gefeiert. Dirigent und musikalische Leiter des Abends, Münsters GMD Golo Berg, forderte sein Orchester mit großem Erfolg zu zarten, zu beseelten, aber auch dramatischen Momenten und Ausbrüchen heraus und stellte seine große musikalische Beziehung zu Verdi (Berg hat bisher 12 Verdiopern dirigiert) eindrucksvoll unter Beweis.

Garrie Davislim, Stephan Klemm, Chor © Oliver Berg
Garrie Davislim, Stephan Klemm, Chor
© Oliver Berg

Fazit: Ein wahrlich bemerkenswerter Opernabend von großer musikalischer Eindringlichkeit. Verdis Partitur unter Hinzufügung von Auszügen aus Schnittkes REQUIEM mag für manche Opernfans gewöhnungsbedürftig sein. Ihnen aber sei die Offenheit zu wünschen, diesen Münsteraner DON CARLO, der ein DON CARLO.EIN REQUIEM ist, in all seiner musikalischen Größe auf- und anzunehmen.

© Detlef Obens/DAS OPERNMAGAZIN/10-2017 

 

  • Bis zum 2.2.2018 wird diese Inszenierung noch 12 Mal im Großen Haus in Münster zu erleben sein. Termine, weitere Infos und Kartenvorverkauf auf der HOMEPAGE DES THEATER MÜNSTERS 
  • Alle Fotos Theater Münster, DON CARLO.EIN REQUIEM – © Oliver Berg (Fotograf)

 

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