Edvin Revazov, Anna Laudere / "Anna Karenina" Foto von (c) Kiran West

Hamburg Ballett: Die Schicksale dreier Familien – zu einem beeindruckenden Abend verwoben / John Neumeiers Ballett ANNA KARENINA

Ivan Urban, Anna Laudere / "Anna Karenina" - Foto @ Kiran West
Ivan Urban, Anna Laudere / Ballett Anna Karenina – Foto @ Kiran West

Wenn jemand die B-Premiere (4.7.2017) der Uraufführung von John Neumeiers Ballett „Anna Karenina“ als ersten Ballettbesuch überhaupt wählt, schon in der Pause fasziniert ist und am Ende, wenn der Choreograf auf der Bühne erscheint, spontan zu einer Standing Ovations aufsteht, schreit das regelrecht danach, der erste Satz dieses Artikels zu werden. Denn wenn ein völlig unerfahrener Theaterbesucher so viel Begeisterung empfindet, beweist dies doch einmal mehr, dass John Neumeier Literatur gut, und vor allem verständlich, in Tanz umsetzen kann.

Zumindest wenn man bereit ist, sich einzulassen, sich mitreißen zu lassen von tänzerisch-darstellerischer Leistung, wie auch gekonnte, und teilweise mutige Musikzusammenstellung. Und: eine 1:1 Umsetzung sollte man nicht erwarten. Wie auch bei einem Werk, dessen nahezu 1000 Seiten voller Tiefe, ineinander verwobener Schicksale und künstlerischer Vielschichtigkeit. Neumeier selbst nennt sein Ballett „von Tolstoi inspiriert“, zeigt die Schicksale dreier Familien, die alle in Beziehung zueinander stehen und verlegt die Geschichte aus Tolstois Russland ins Heute. Daneben zeichnet er nicht allein für die Choreografie, sondern auch für das Bühnenbild, Licht und Kostüme verantwortlich und alleine die Darstellerin der Anna Karenina wird von Albert Kriemler und AKRIS eingekleidet.


Im Focus steht die Geschichte der Politikergattin Anna Karenina. Getanzt wird sie von der langgliedrigen, auf elegante Weise fragil wirkenden, ausdrucksstarken Anna Laudere.

 

Mayo Arri, Ivan Urban / Ballett Anna Karenina/ Foto © Kiran West
Mayo Arri, Ivan Urban / Ballett Anna Karenina/ Foto © Kiran West

Ihrem Ehemann Karenin (Ivan Urban) gegenüber wirkt sie fast schüchtern, wenn sie um ein wenig Zuwendung und Zärtlichkeit heischt. Ivan Urban als Karenin ist ganz Karrieremensch. In der Öffentlichkeit des Wahlkampfes sind seine Bewegung kraftvoll, lassen es an Weichheit fehlen, wirken darum sicher gewollt steif und eckig. Im eigenen Heim bei Frau und Kind hingegen wird er zu einem sich selbst genügendem Mann und strahlt eine widerwillige Hilflosigkeit aus. Es gelingt Urban in seinen Pas de Deux mit Laudere und später mit der grazilen Mayo Arii als Gräfin Iwanowna, das Publikum fast auf seine Seite zu ziehen und Mitleid zu empfinden, mit diesem einsamen, gebrochenen Mann. Bis er dann ein Mal mehr seinem Sohn Serjoscha (Marià Huguet) gegenüber, streng und kalt ist. In den Szenen mit Huguet zeigt Laudere hingegen ihre Wandelbarkeit: Denn hier ist sie die zärtliche Mutter und wie die beiden im spielerischen Wettstreit, abwechselnd immer wieder die Hände übereinanderlegen, hat etwas von einer sanft heiteren Symbolik, die anrührt.


Ihre leidenschaftliche Seite, wie auch ihre Fähigkeit zur Hingabe kommen dann in den Szenen mit Graf Wronski zur Geltung, dem Mann, bei dem sie findet, was Karenin ihr nicht geben kann. Dem Mann, für den sie Ehegatten, Kind und angesehene Stellung in der Gesellschaft aufgibt. Getanzt wird Wronski von Edvin Revazov, dem es auch in dieser Rolle gelingt, gleichzeitig elegante Distanziertheit,- ja „Coolness“- und berührend tiefe Liebe auszustrahlen. Es sind Kleinigkeiten, die seine Leistung so besonders machen, wie zum Beispiel, wenn Wronski sich in der Italienszene, mit dem Rücken auf den Tisch vor Anna legt. Sich ihr so darbietet. Die Intensität dieser Szene, wie auch die subtile Erotik und die innige Vertrautheit, die in den Pas de deux von Revazov und Laudere spürbar ist, liegt sicher zu einem Teil an der Tatsache, dass die beiden auch im wahren Leben ein (Ehe)paar sind. Größtenteils jedoch einfach an ihrem Talent ,ihrem darstellerischen, wie auch tänzerischen Können und der Choreografie. Diese ist immer mehr als nur schöne Bewegung, sie ist immer auch leicht zu deutender Ausdruck von Emotionen, Gedanken oder Traumbildern. Denn außer der Tatsache, dass ihre Liebe sie zur Ehebrecherin macht, liegt noch ein weiterer Schatten über Anna, der sicher mitverantwortlich ist, für Annas zunehmenden Verzweiflungswahn und endlich ihre Verzweiflungstat, sich vor einen Zug zuwerfen, um zu sterben und so allen anderen, besonders Wronski die „Freiheit“ zu schenken.

 

Anna Laudere / Ballett Anna Karenina 9 © Kiran West
Anna Laudere / Ballett Anna Karenina  © Kiran West

Denn die erste Begegnung von Anna und Wronski, findet auf einen Bahnhof statt, als Anna auf dem Weg zu ihrem Bruder und dessen Frau ist. Ein orange gekleideter Muschik, fast so wie ein Arbeiter der Straßenreinigung oder Müllabfuhr, verunglückt im selben Moment tödlich vor Annas Augen. Dieser Muschik, getanzt von Karen Azatyan, der mit energiegeladenen Sprüngen und einer geheimnisvoll intensiven Ausstrahlung fasziniert, taucht immer wieder auf. Aus Pas de deux werden dann zeitweise Pas de trois oder der Muschik wird zu Wronski, löst diesen ab.

Annas Bruder Stiwa (Dario Franconi) und seine Frau sind die zweite Familie, deren Schicksal erzählt wird. Hier ist er der Ehebrecher, allerdings ohne Gewissensbisse und eher als Zeitvertreib, denn aus Liebe, hat er zahlreiche Liebschaften. Dolly, der Patricia Friza ein beeindruckendes Profil verleiht, durch ihre tänzerische Vehemenz, ihre Begabung auch kleine Gesten und Bewegungen Kraft und Überzeugung zu geben, handelt anders als Anna. Sie flieht nicht, sie bleibt zum Wohle ihrer und Stiwas Kinder.

Dollys Schwester Kitty (Emilie Mazon) dann, und der Grundbesitzer Lewin (Aleix Martinez) bilden die dritte Familie und das einzige Paar, für das es am Ende zumindest ein wenig Hoffnung zu geben scheint. Verzweifelt Anna an ihrer als unmoralisch geltenden Entscheidung und findet sich Dolly in ihr Los, so scheint Kitty an dem ihrigen zu wachsen.

Edvin Revazov, Anna Laudere / "Anna Karenina" Foto von (c) Kiran West
Edvin Revazov, Anna Laudere / Ballett Anna Karenina / Foto (c) Kiran West

Emilie Mazons Leistung sich von dem kindlich verliebten Mädchen im rosa Kleidchen, über die verzweifelte endlich in die starke, anpackende Frau in Jeans und Gummistiefeln zu verwandeln, die dass ihr auferlegte Schicksal für sich und Lewin zum Guten wandeln will, ist eine der besten an diesem Abend und verdient größten Respekt.


Eigentlich hofft Kitty auf eine Verbindung mit Wronski, dessen Abweisung treibt sie in eine Verzweiflung, die fast an Wahn zu grenzen scheint. Wie Mazon sich selber umarmt und schlägt, ihr zarter Körper bebt und geschüttelt wird, erzeugt Gänsehaut. Ebenso wie Martinez‘ Einfühlungsvermögen, mit dem er als Lewin, die schon lange Geliebte ins hier und jetzt zurückholt. Auch hier sind es wieder die kleinen Gesten: Lewin legt sich Kitty zu Füßen, nimmt sie an ihren Knöcheln und führt ihren Fuß. Später dann, als sie verheiratet als Bauern auf seinem Gut leben, ist sie es, die ihn mit ähnlicher Geste Halt gibt.

Leider reizten gerade die Szenen auf dem Lande das Publikum zu Übersprungslachen. Sei es, als der da noch unglücklich liebende Lewin, zu Cat StevensMoonshadow“ mit von Martinez großartig ausgeführten eckigen Bewegungen der Verzweiflung Heu mäht, bei Stevens‘ „Morning has brocken“ lethargisch bewegungsunfähig auf der Bühne steht, Oder wenn ein übergroßer Traktor auf die Bühne rollt, der in seiner Mächtig-, ja, Aufdringlichkeit, ein Gegensatz zu der minimalistischen Darstellung der Wohnungen von Stiwa und Dolly, beziehungsweise der Karenins, zu sein scheint. Und doch hat dieser Traktor seine Berechtigung als Symbol für Leben und Erschaffen, wie der Spielzeugzug, der immer wieder am Bühnenrand vorüber rollt, für Tod und Vergehen.

Patricia Friza / Ballett Anna Karenina/ Foto © Kiran West
Patricia Friza / Ballett Anna Karenina/ Foto © Kiran West

Viel gäbe es noch zu entdecken zu berichten. Da ist zum Beispiel die Geburt von Wronski und Annas Tochter in einem goldfarbenen, wie ein goldener Käfig wirkendem, Bett. Hier hat Anna kurzgeschorenes Haar. Bestrafung durch die Kirche, wie früher üblich? Oder, da die Geschichte ja eher im Hier und Jetzt angesiedelt ist, hat sie sich selbst entstellt, um sich für ihre Liebe und den damit verbundenen Verrat selbst zu strafen? Oder die Trikotnummer von Wronski bei jenem Lacrosse-Spiel, bei dem Anna sich auch öffentlich zu ihrem Geliebten bekennt. Es ist die 69. Zufall? Bei Neumeier unwahrscheinlich. Einmal ist es eine Zahl, die in der Sexualität eine Bedeutung hat, dabei dient er ihr, wie im gleichen Maße, sie ihm. Was auch zu der optischen Wirkung der Zahl passt, die doch sehr an das Ying und Yang Zeichen erinnert. Ist so Anna die Vollendung Wronskis und er die ihre? Sie mögen weithergeholt erscheinen, diese Gedanken. Und natürlich kann man auch die kurzen Haare, einfach als kurze Haare sehen, die Nummer lediglich als Zahl. Aber ein guter Erzähler, egal in welchem Genre der erzählenden Kunst, gibt seinen Leser, seinem Publikum, Denkanstöße oder die Möglichkeit, diese zu finden.

Alles in allem ist Anna Karenina, also „ein typischer Neumeier“. Wahrscheinlich, wird es nicht den Kultstatus eines „Othellos“ oder „Nijinsky“erreichen, doch bin ich überzeugt, jene Dame hat Unrecht, der nichts an dem Ballett gefiel und die prophezeite, das Ballett würde schnell wieder vom Spielplan verschwinden. Denn schließlich war es nicht nur meine mich überraschende Begleitung, sondern mit ihr, zumindest- ,das gesamte Parkettpublikum, dem Neumeier und seinem Ensemble, die mehr als verdienten Standing Ovations galten. 

*Rezension der B-Premiere vom 4.7.2017 von Birgit Kleinfeld

*Anna Karenina Ballett auf der Homepage des Hamburg Ballett

 

*Titelfoto: Edvin Revazov, Anna Laudere / „Anna Karenina“
Foto von (c) Kiran West , sowie alle weiteren Fotos @ Kiran West

 

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