Elbphilharmonie (Nov 2016) © Iwan Baan

Elbphilharmonie! Verdis Requiem! Riccardo Chailly! Abend der Superlativen!

Riccardo Chailly/ Elbphilharmonie/ Verdi-Requiem/ Foto @ Daniel Dittus/Elbphilharmonie
Riccardo Chailly/ Elbphilharmonie/ Verdi-Requiem/ Foto @ Daniel Dittus/Elbphilharmonie

*Rezension der besuchten Aufführung am 24.5.2018 in der Elbphilharmonie von Birgit Kleinfeld*

Im März hatte Verdis „Oper im liturgischen Gewand“ genannte „Messa da Requiem“, einige viel beachtete, von Calixto Bieito in Szene gesetzte, Aufführungen an der Staatsoper Hamburg. Heute und Morgen (24. + 25.5.2018) nun bietet sich die Möglichkeit dieses gigantische Werk in prominenter Besetzung in der Elbphilharmonie konzertant zu genießen. Meine ganz persönliche „Elphi-Premiere“ für das Opernmagazin.

 

Der Verstand mahnt die Erwartungen angepasst an die ersten Takte des opulenten Werkes, „sotto voce und „con sordino“, also gedämpft zu halten. Enthusiasmus und Vorfreude jedoch, gleichen eher dem in fortissimo beginnenden Allegro agitato des „Dies Irae“: überlaute, aufgeregt freudige Erwartung. Das liegt zum einen sicher am, wegen Atmosphäre und Akustik, viel gerühmten Austragungsort, der von außen schon fasziniert und in sommerlich warmen, von vielen Düften geschwängerten Abenddämmerung durch den Ausblick verzaubert, den die Gäste von der Plaza im 8.Stockwerk über den nächtlichen Hafen haben.

Doch ist das nur ein „Schmankerl“, das optische Sahnehäubchen, an einem Abend des zu erwartenden musikalischen Hochgenusses.
War schon die „Messa da Requiem“ Besetzung an der Staatsoper erstklassig, so übersteigt die heutige sie jedoch an Bekanntheitsgrad in der Welt der Klassik, um einiges. Denn am Pult steht kein Geringerer, als der Generalmusikdirektor der Mailander Scala Riccardo Chailly, der den hauseigenen Chor, wie auch das Mailänder Orchester dirigiert. Hamburg ist nur eine von mehreren Stationen für dieses Werk in dieser Besetzung, bei der auch die Solisten namhaft und weltbekannt sind. Allen voran Ferruccio Furlanetto (Bass),seit vielen Jahren oft und gern gesehener Gast an allen führenden Opernhäusern der Welt. Aber auch sein junger Kollege René Barbera (Tenor), Gewinner des Ersten Preis beim Domingo’s Operalia 2011 in den Kategorien Oper und Zarzuela und die beiden Damen Ekaterina Gubanova (Mezzosopran)und nicht zuletzt Tamara Wilson (Sopran) dürfen bereits internationale Erfolge für sich verbuchen. Wilson dabei vorwiegend in ihrer Heimat USA.


Entrückende Reise durch ein Meer aus Trauer, Wut, Erlösung

Bereits nachdem mich Verdis Requiem in der Staatsoper Hamburg tief beeindruckte, äußerte ich die Vermutung, dass die Macht des Werkes umso so größer sei, wenn optische Ablenkung durch Kostüme, Handlung und die Trennung von Orchestergraben und Bühne wegfallen. Und wahrhaftig macht sich schon beim Einnehmen der Plätze im imposanten Großen Saal eine fast andächtige Stimmung des Staunens und der Bewunderung breit. Diese steigert sich noch, wenn sich die Bühne in der Mitte, mit den Beteiligten füllt. Der Zuschauer meint sich in einem farbig wogendem Meer, dessen Dreh und Angelpunkt eine Insel ist, auf der schwarz/weiß dominiert und von der aus, gestrichene oder auch geblasene Versionen des Kammertons „a“ durch den hohen, weiten Saal schweben.
Dann ist so weit. Riccardo Chailly betritt die Bühne, das mit rotem Stoff bezogene Dirigentenpult, die ersten gedämpften, sanften Töne beginnen unisono. Nun ist alles nur noch Musik, die dafür sorgt, dass der innere Anker der Vernunft und Realität sich löst, und jeden, der es zulässt, treibt auf Wellen von Erhabenheit, Schönheit und weltentrückter purer Emotion. Plötzlich ein letztes „Libera me“ aus der Kehle von Tamara Wilson, letzte zarte Töne der Streicher verhallen. Ihnen folgt für wenige Herzschläge fast totale Stille, bis dann stürmischer Jubel sich die Bahn bricht.

Elbphilharmonie/ Verdi-Requiem/ Foto @ Daniel Dittus/Elbphilharmonie
Elbphilharmonie/ Verdi-Requiem/ Foto @ Daniel Dittus/Elbphilharmonie

Und dazwischen? Dazwischen liegen 90 Minuten Genuss für Ohren und vor allem auch Seele, nahezu in Perfektion.

Riccardo Chailly lenkt die Musiker, den Chor und die Solisten mit leichter Hand. Mit seinen präzisen eleganten Bewegungen gleicht er zwar einem Tänzer, doch einem der nie den Kontakt zum Boden verliert. Weder zu dem auf seinem Podest, noch zur der Tatsache, dass er zwar der Lenker ist und auch der mit dem größten Namen an diesem Abend, aber nicht der Star, um den sich alles dreht. Nein, alles geschieht im Dienste des Werkes, das einer Verdi-Oper gleicht und doch so viel mehr, so viel Höheres vermittelt, als reines menschliches Drama. Das führt mit dazu, dass Verdis Messa da Requiem, an diesem Abend nicht nur durchkomponiert, sondern wahrhaftig wie aus einem Guss wirkt.

Dazu tragen aber natürlich alle Beteiligten bei. Und zwar auf eine Art und Weise, die es zum einen schwer macht, Einzelleistungen hervorzuheben und zum anderen nicht abzugleiten in allzu schwelgerische Superlative oder Metaphern.
Das Orchestra del Teatro alla Scala bildet eine Einheit, wie es jedes große Orchester tut, wie es ja der Sinn eines Orchesters ist, doch an jedem Opernabend, in jedem Konzert, gibt es hier und da eine Schwäche, eine klitzekleine Unsauberkeit, die gerade gehört schon wieder vergessen ist. Einfach diese kleine Menschlichkeit, doch zumindest heute war hier alles perfekt, saß jeder Bogenstrich, jeder Ton, gab es keine Unstimmigkeit im Tempo zwischen Musikern und Sängern.
Dies gilt auch für den Coro del Teatro alla Scala,der nicht nach viele verschieden Stimmen klang, sondern einfach homogen. So wurden die a-capella gesungenen Passagen, so kurz sie auch sein mögen, zu einem zarten Genuss für die Ohren, gleich- bei dem Vergleich mit dem Lebensspender „Wasser“ zu bleiben,- einem sanften Sommerregen und die machtvollen, immer wiederkehrenden Fortissimo-Passagen besonders des Dies irae aber auch des Lacrimosa oder noch mehr des doppelchörigen Sanctus reißen den Zuhörer mit, wie mittlere bis hohe Sturmwellen. Es ist halt ein Markenzeichen Verdis, das nicht nur für sein kirchliches Werk gilt: Er ist ein Meister der Chöre.

 

Vier Solisten. Nicht mehr, nicht weniger als vier Teile eines vielteiligen Ganzen

Doch er ist auch ein Meister der ausdrucksstarken Solostücke, Duette und Quartette für Solisten, die ihr Handwerk sowohl mit ihrer Stimme, als auch mit Seele und Herz ausüben. Und davon standen heute vier auf der Bühne, nicht, wie sonst üblich, exponiert neben dem Dirigentenpult, sondern hinter dem Orchester, vor dem Chor.
Einer von ihnen ist Ferruccio Furlanetto, ein Bass „der alten Schule“, bei der eine Technik gelernt wurde, die insbesondere die tiefen Männerstimmen anders klingen lässt, als es oft heutige Lehrmethoden tun. Eine Wertung, die unterscheiden statt herabsetzen soll, liegt vieles doch auch an dem vorhandenen Stimmmaterial. Furlanettos Stimmfarbe ist von der Art, die sofort an große Verdi-Bässe, wie Banco oder Philipp denken lässt und sein Tuba mirum – Mors stupebit, vermittelt trotz oder wegen der eher mahnenden Worte, dass er der Fels in der Brandung, verstörend schöner Klänge ist.

Elbphilharmonie Hamburg © Maxim Schulz
Elbphilharmonie Hamburg © Maxim Schulz

So volltönend wie Furlanettos Bass so hell ist die Stimme von Tenor René Barbera. Sein Ingemisco berührt, gerade auf Grund des hellen Timbres, dass eher den Eindruck eines Jünglings vermittelt der darum bittet, auf die „rechte Seite“ gestellt zu werden, als an einen sündigen Mann. Barberas Stimme ist lyrisch, doch kraftvoll und es ist zu erwarten, dass sie sich noch verändern und reifen wird.
Reif, voll und von einem ungewöhnlich großem Umfang ist die Stimme von Mezzosopranistin Ekaterina Gubanova. Ihre Stimme klingt ungewöhnlich, hat Widererkennungswert und Gubanova harmoniert in Klang, Hingabe und im Ausdruck auf wunderbare Weise mit Sopranistin Tamara Wilson. In ihren gemeinsamen Passagen, dem Recordare, wie dem Agnus dei scheinen sie wie zwei Wellen, die zu einer werden: Beide Künstlerinnen berühren auch einzeln mit ihrem Gesang, doch gemeinsam klingen sie vollkommen, atmen über weite Teile gar im Einklang. 
Wilsons Sopran ist von einer Reinheit, bei der sich in diesem christlichen Werk, das Adjektiv „engelsgleich“ geradezu aufdrängt. Sie führt ihre Stimme mit einer Leichtigkeit in kristallkare Höhen, doch weder die Tiefen, noch die Mittellagen scheinen ihr Schwierigkeiten zu bereiten. Ihre Emphase und Hingabe berührt spätestens bei ihrem letzten Libera me so tief, dass es dem Zuschauer wohlige Gänsehaut beschert, wenn nicht gar zu Tränen rührt.

Verdis Messa da Reqiuem– besonders in genau dieser Besetzung, an genau diesem Ort, an genau diesem Tag, dass mich zurücklässt mit dem Gefühl, mit dieser Vorstellung, ein Geschenk bekommen zu haben, dem ich mit Worten nicht gerecht werden kann. Das aber nicht nur mir, sondern viele andere lächelnd und ja, trotz des traurigen Themas, sogar glücklich nach Hause gehen ließ.

 

 

 

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