Droht den Künstlern auf der Bühne bald die Armutsfalle? – ein Interview mit dem Bassbariton Christian Sist

Christian Sist - Foto @ Gerardo Garciacano
Christian Sist – Foto @ Gerardo Garciacano

DER JOURNALIST  THOMAS ACHENBACH IM GESPRÄCH MIT CHRISTIAN SIST, DEM BOTSCHAFTER FÜR DEN BEREICH OPER DES VEREINS ART BUT FAIR.

ARTIKELÜBERNAHME VON KULTURESQUE.BLOGSPOT.DE

Unterbezahlt, mit Angst vor Altersarmut: Droht den Künstlern auf der Bühne bald die Armutsfalle? Warum Sänger, Tänzer und Schauspieler die „Revolution der Künstler“ fordern – Ein Interview mit dem Bassbariton Christian Sist –

 

Hagen/Osnabrück – In einer gemeinsamen Studie haben die Hans-Böckler-Stiftung, die in Bonn sitzende Kulturpolitische Gesellschaft und die Künstlerinitiative „Art But Fair“ im Frühsommer 2016 untersucht, wie es aktuell um die berufliche Situation von Kunstschaffenden steht. Die Ergebnisse der Studie lassen den Schluss zu, dass viele Künstler in eine Prekariatsfalle tappen könnten. 

Alle Hintergründe rund um die Studie habe ich in einem Artikel für die Neue Osnabrücker Zeitung zusammengefasst – zu meiner Recherche gehörte auch das untenstehende Gespräch mit dem Bassbariton und studiertem BWL-Absolventen Christian Sist (spielte lange Jahre in Dortmund und war zuletzt als Kasper im „Freischütz“ auf den Eutiner Festspielen zu erleben). Weil das Gespräch noch weitere Aspekte und Hintergründe enthält, möchte ich es – obwohl ursprünglich nur als Recherchematerial gedacht – hier in voller Länge veröffentlichen. Auf geht’s:

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Wenn er sich gruseln möchte, liest er eine Studie über Künstlerbedingungen heute: Christian Sist als „Kasper“ in der Oper „Der Freischütz“,    (Thomas-M.-Jauk/Stage-Pictures-Foto)


Christian Sist, wir reden heute über Künstlergehälter. Wenn man sich anschaut, was gerade in der Kulturszene passiert, beschleicht einen das Gefühl: Da eruptiert etwas, da brodelt es. „Art but fair“ ist schon sehr aktiv und erzeugt Facebook-Fan-Rekorde. Jetzt gibt es im Schauspielbereich das „Ensemble-Netzwerk“, das in dieselbe Bresche schlägt. Die Rede ist von der „Revolution der Künstler“. Auweia. Was  ist da los? Warum gerade jetzt – und so viel?

Christian Sist: Das kann ich Ihnen ganz genau sagen: Weil wir einfach direkt an der Wand stehen, wie auch allgemein gesellschaftspolitisch.

Okay, solche Botschaften zu bringen, ist in gewisser Weise ja ihr Job. Sie haben die Sängerin Elisabeth Kulmann abgelöst und sind als Opernsänger seit kurzem der offizielle Botschafter für Oper und Konzert der Initiative „Art But Fair“….

Christian Sist: Och, gar nicht so kurz. Das sind jetzt auch schon fast 2 Jahre. Ich bin jetzt auch seit kurzem Vorstand in Österreich. Aber ich war davor auch schon dabei, wenn auch ohne offizielle Funktion.

Der Lehrer und Musicalproduzent Johannes Maria Schatz, der die Initiative ja gegründet hat, sagte zu mir: „Wenn man ins Opernhaus geht, muss man damit rechnen, dass der Pförtner, der hinten die Künstler reinlässt, in der Regel besser bezahlt ist, als der Künstler vorne auf der Bühne“.  Ist das wirklich so oder ist das überspitzt?

Christian Sist: Nein, das ist überhaupt nicht überspitzt. Okay, wir reden hier jetzt nicht über die Kategorie Jonas Kaufmann und Co., die haben Abendgagen von bis zu 100000 Euro – aber wenn Sie sich das klassische deutsche Stadttheater und Staatstheater ansehen, dann haben Sie die Situation, dass viele Kollegen auf Mindestgage oder leicht darüber sind, also irgendwo zwischen 1800 und 2000 Euro brutto im Monat verdienen. Das ist beim Tanz genauso. Das gilt natürlich, das muss man auch dazu sagen, auch für Maskenbildner, Kostümbildner usw. Also für alle Leute, die unter dem „NV-Bühne“ beschäftigt sind (Anmerkung des Autors: NV steht für „Normalvertrag“).

Und da bekommt der Pförtner tatsächlich mehr?

Christian Sist: Wir wollen hier keine Neiddebatte führen. Jeder Künstler weiß, wie wichtig ein netter Pförtner ist – der Pförtner verdient also absolut richtig. Selbst, wenn der jetzt ein niedrigeres Grundgehalt hätte, was aber kaum niedriger sein kann als 1750 Euro in Deutschland, dann würde er mit den Zulagen auf eindeutig mehr kommen. Der hat dann Nachtzulagen, Wochenendzulagen usw.

Viel Kritik bei den Bezahlungen von Künstlern gibt es vor allem deswegen, weil es sich dabei um gut ausgebildete Hochschulabsolventen handelt – das macht einen besonderen Frust aus, ist das so?

Christian Sist: Absolut, ja. Wenn Sie sich überlegen: In Deutschland fangen Sie als Akademiker Öffentlicher Dienst mit etwa 2500 Euro an! Das verdienen aber viele Kollegen nach 15 Dienstjahren nicht im Theater. Da sind es eben die Jobs im öffentlichen Dienst, wie eben ein Pförtner oder Fahrer, die  höher eingestuft sind – und das ist für mich als Betriebswirt, der ich ja auch bin, das Absurde.

Wegen der Unverhältnismäßigkeit – oder wieso?

Christian Sist: Das Erste, was Sie in einem BWL-Studium lernen – also jedenfalls in England, wo ich meins gemacht habe – ist, dass sie jene Menschen gut bezahlen müssen, die das Kerngeschäft eines Unternehmens darstellen.  Das sind, denke ich, im Theaterbereich sehr unzweifelhaft die Menschen, die auf der Bühne stehen. Und die werden im Augenblick einfach zu schlecht bezahlt! Zugegeben, bei mir ist das nicht der Fall. Ich habe es immer geschafft, gut zu verhandeln. Aber ich bin da eher die Ausnahme im Theaterbereich.

Verhandeln kann man aber auch erst und nur, wenn man sich einen gewissen Namen gemacht hat…

Christian Sist: Das sehe ich nicht so, aber das würde jetzt zu einer sozusagen psychologischen, emotionalen und  spirituellen Diskussion führen.

Sogar spirituell. Wieso das?

Christian Sist:  Das hat sehr viel mit dem inneren Wert zu tun, wie man sich gibt. Ich glaube, dass ein Intendant oder ein Verhandlungspartner sehr wohl spürt, wie weit er gehen kann oder wie weit er nicht gehen kann.

Auf wen richten Sie Ihre Hoffnungen, damit sich etwas ändert? Die Theaterintendanten zucken bei dieser Debatte ja gerne mit den Achseln und sagen: Na klar, wenn wir nur könnten, würden wir die Situation sofort verändern – können wir aber nicht…

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Betrachtet die Theaterwelt auch aus den Augen des studierten Betriebswirts und Wirtschaftskenners: Der Sänger Christian Sist.  (Gerardo-Garciacano-Foto)


Christian Sist: Die Theaterintendanten haben das Problem, dass sie natürlich je nach Theater immer zwischen 85 und 93 Prozent der Fördergelder aufbringen müssen für fix verplante Kosten wie die Instandhaltung des Hauses oder die Gehälter des festangestellten Personals. Also beispielsweise Pförtner und Co. – die werden ja nach ihrem jeweiligen Tarif bezahlt. Das heißt: Der Intendant hat also relativ wenig Geld, um noch wirklich Kunst zu machen. Das sprechen Intendanten richtigerweise immer wieder bei der Politik an. Nur: Es gibt noch einen zusätzlichen Aspekt – und dieser Aspekt ist, dass natürlich innerhalb dieses Budgets schon Spielraum ist und dass man sich halt überlegen muss, was man damit macht.

Aber wo ließe sich denn noch sparen? Die meisten Theater laufen ja schon auf gekürzten Zuschüssen und immer kleiner werdenden Budgets…

Christian Sist: Man könnte sich zum Beispiel überlegen: Kommen die Leute ins Theater, weil ich unheimlich viel Geld für ein fancy Programmheft ausgebe, was sich sowieso kaum jemand mehr anschaut? Oder: Kann ich eine Produktion auch für 30 000 Euro machen, im Sinne von Ausstattung und Bühne, oder müssen es wirklich 100 000 Euro sein? Das ist eben der Kritikpunkt: Dass wir sehr viele Intendanten haben, die an anderen Stellen Prioritäten setzen. Dass das Haus cool rüberkommt, dass das Haus in der Presse steht, dass jemand einen Feuilleton-Preis bekommt… Intendant – das ist ja fast der letzte Jobs, der noch so funktioniert wie die nordkoreanische Diktatur (lacht). Aber im Ernst: Sie haben als Intendant keine „Accountability“ und keine „Good Governance Vorgaben“. Sie müssen also kaum Rechenschaftsberichte ablegen und haben keine Vorgaben, wie sie ihr, durch öffentliche Gelder, finanziertes Haus zu führen haben. Solange sie ihr Budget einhalten, können Sie mit dem Geld, was sie zur Verfügung haben, machen, was sie wollen. Die Kultursparte ist die einzige, wo es so etwas noch gibt.

Also braucht es mehr Finanzdirektoren und Geschäftsführer, die den Intendanten verstärkt auf die Finger gucken? Gibt es das nicht längst in fast jedem Theater?

Christian Sist: Nicht überall, nein. Es gibt in einigen Häusern, wie in Trier beispielsweise, keinen kaufmännischen Direktoren. Da gibt es einen so genannten Generalintendanten, in dessen Hand alles liegt. Und dann gibt es in anderen Theatern zwar kaufmännische Direktoren, die aber ausschließlich darauf achten, dass das Budget eingehalten wird. Die aber nicht darauf achten, wie man das Geld sinnvoller, im Sinne der Kunst, verteilen könnte. Da geht es eher um die Frage: Wo kann noch gespart werden?

Und dann wird bei den Künstlern angesetzt – weil die noch keine Lobby haben?

Christian Sist: Überhaupt keine! Mindestgage als Sänger: 1780,- Euro! Als Schauspieler genauso. Und es gibt Leute wie Sand am Meer. Ob die gut singen oder nicht, ist meistens auch vollkommen wurscht. Weil: Es geht ja um die Produktion, um das Konzept, um den „Typ“. Wenn da einer bockig ist oder stur, dann wird der halt nicht genommen oder rausgeschmissen, weil der Nächste schon da ist.

Ein bisschen haben das Dilemma die Künstler aber auch mitverschuldet, oder? Gab es nicht bislang so ein Dogma – über Geld wird nicht geredet? Lieber ein stilles Leiden für die Kunst und dann ordentlich ablästern in der Theaterkantine?

Christian Sist: Ach was, früher war das nicht so. Das hat sich erst in den letzten 25 Jahren so etabliert. Ich weiß von meinen älteren Coaches, dass es früher vollkommen normal war, darüber zu reden, was man verdient. Das hat sich jetzt in dieser Ego-Gesellschaft alles verändert. Es wäre aber sehr gut, wenn man diese Dinge ausspricht. Meine ersten drei Verträge hatte ich in Klagenfurt, in meiner Heimatstadt – und da hat sogar das Management das damals unterstützt, dass bewusst darüber gesprochen wurde, weil die gesagt haben: Wir wollen, dass sich hier jeder wohl fühlt. Jeder trägt zu einer Produktion etwas bei. Sie wollten es ein bisschen rechtfertigen, wenn jemand eine große Partie singt oder eine kleine Partie singt und dass die dann unterschiedlich bezahlt werden, das wusste eigentlich jeder. Das war okay.

Früher war mehr Gemeinschaft, heute ist Hauen und Stechen?

Christian Sist: Jetzt ist die Situation so: Wer gut verhandelt, der verdient halt 2000 Euro mehr als der andere Kollege im Ensemble. Also mehr als das Doppelte. Kam auch schon vor. Das sind Dinge, die, meiner Meinung nach, nicht gehen.

Wie ist es beim Privatunternehmen? Wenn Sie jetzt das städtisch- oder landesbezuschusste Theater so in die Kritik nehmen, müsste es ja in privaten Theatern besser sein. Oder zumindest anders?

Christian Sist: Unserer Erfahrung nach ist es in privaten Theatern mindestens so schlecht, wenn nicht sogar schlechter.

Ist es denn tatsächlich so, dass in den Verträgen, die Sie als Künstler bekommen, eine Verschwiegenheitsklausel enthalten ist, die ihnen das Sprechen über das Gehalt untersagt?

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Da geht selbst der größte Sänger mal zu Boden: Christian Sist als „Seneca“ in der Oper „Die Krönung der Poppea“ in Dortmund,    (Thomas-M.-Jauk/Stage-Pictures-Foto)


Christian Sist: Nicht in allen Verträgen. Es kommt auf das Theater an. Aber es kommt vor. Mir ist das sowieso egal. Ich habe den Rechtsstandpunkt, dass das sittenwidrig ist. Es ist kein Betriebsgeheimnis, es ist mein Gehalt! Und wenn es schon eine Verschwiegenheit gibt, dann darf es auch diese interne Liste nicht geben, die angeblich nicht existieren, von der wir aber wissen, dass es sie gibt. Also die Liste, auf der steht, was ein Künstler an was für einem Theater oder Festival bekommen hat. Das kann jeder abstreiten, dass es sowas gibt. Das ist mir aber schon passiert, dass mich jemand fragt; „Warum wollen Sie 3500 Euro haben für die Rolle, wenn wir doch wissen, dass Sie die schon für 2800 Euro gespielt haben?“ Soviel also zur Verschwiegenheit…

Die meisten Menschen haben eine falsche Vorstellung davon, was ein Künstler leisten muss bzw. wie der Arbeitsalltag eines Künstlers aussieht – das hat die Musicaldarstellerin Mandy Marie Mahrenholz in einem Interview gesagt, das in Kürze auf diesem Blog veröffentlicht wird. Also beleuchten wir mal kurz den Arbeitsalltag: Morgens proben, mittags kurz frei, abends spielen, kaum freie Zeit an den Wochenenden. So beschreibt es Lisa Jopt vom „Ensemble Netzwerk“… Übertrieben?

Christian Sist: Nein, und das ist genau der Punkt: Bei uns Künstlern ist mit dem Gehalt ja alles abgegolten. Sprich Samstag- oder Sonntagsarbeit, Abendarbeit, doppelte Vorstellungen – manchmal gibt es noch doppelte Vorstellungen -… prinzipiell ist mit unserer Gage einfach alles abgedeckt.

„Art But Fair“ ist hervorgegangen aus dieser erkenntnisreichen Facebook-Seite mit dem sehr langen Namen: „Die traurigsten & unverschämtesten Künstler-Gagen & Auditionerlebnisse….“. Was war denn Ihr schlimmstes Erlebnis in diesem Zusammenhang?

Christian Sist: Ganz ehrlich, ich persönlich habe kein schlechtes Erlebnis gemacht. Ich weiß nicht…: Liegt das vielleicht an meinen 2,04 Metern, liegt es an meinem selbstwussten Auftreten? Ich wurde eigentlich immer gut bezahlt und ich habe auch Zusagen eingehalten bekommen. Aber ich glaube, dass ich tendenziell zu einer Minderheit gehöre. Zu jener Minderheit, die bei der Art-But-Fair-Studie unter den Top-5-Prozent gelistet ist. Wobei diese Top-5-Prozent eben nicht repräsentativ sind.

Die Studie ist ein gutes Stichwort.  Gibt es in der Studie etwas, was Sie überrascht oder besonders schockiert hat?

Christian Sist: Nein, ich wusste das alles ja schon vorher. Wir haben ja die Studie in Auftrag gegeben, weil wir endlich dieses Gerede weghaben wollten vom Bühnenverein, also so Aussagen wie „Das stimmt ja alles nicht. Das sind höchstens Ausnahmen.“ Wir haben eine unabhängige Studie in Auftrag gegeben, damit man es endlich mal empirisch nachweisen kann.

Also Butter bei die Fische. Was wäre Ihr Lösungsvorschlag für das Problem?

Christian Sist: Mein Vorschlag als Betriebswissenschaftler wäre, dass der Bestverdienendste im Unternehmen maximal viermal so viel verdienen darf wie der Schlechtverdienendste. Das würde also bedeuten: Wenn der Intendant wirklich meint, dass er für 20 000 Euro pro Jahr eine Kollegin anstellen kann, dann darf er selbst auch nur 80 000 im Jahr bekommen – und ich persönlich kenne eigentlich keinen Intendanten in einem Stadttheater in Deutschland, der nur 80 000 Euro verdient. Wenn der Intendant, so wie an großen A-Häusern, eben 200000 bis 280 000 Euro verdienen möchte im Jahr, dann können Sie sich ausrechnen, dass junge Kollegen auch zwischen 50 000 und 70 000 Euro verdienen müssen im Jahr.

In Hagen gibt es zurzeit das Problem, dass sich dort wegen der Heftigkeit der Spardebatte gar kein Kandidat mehr finden lässt, der diesen Job überhaupt machen möchte, wenn Intendant Hilchenbach dort 2018 den Sessel räumt. Wenn Sie das jetzt durchboxen, will doch gar keiner mehr so einen Job machen, oder?

Christian Sist: Also ich würde für 80 000 Euro sofort den Intendantenjob machen. Das ist ein faires Gehalt! Das sind 6500 Euro brutto im Monat. Wie viele Leute verdienen in Deutschland plus 6000 Euro brutto im Monat?

Und dennoch: Um das bezuschusste Theater steht es derzeit nicht gut. Die Politik legt eine Sparauflage nach der nächsten auf. Passt das denn zusammen, in einer solchen Zeit mehr Geld für Künstler zu fordern?

Christian Sist: Mein Mantra ist, dass jeder ins Theater investierte Euro zweifach, dreifach, sogar vierfach an den Steuerzahler zurückkommt. Über die Umwegrentabilität. Wenn also beispielsweise eine Stadt wie Trier 15 Millionen Euro in das Theater investiert und damit natürlich vorweg mal jedes Ticket vorfinanziert mit 100 bis 150 Euro, dann bekommt die Stadt über die Steuer im primären, sekundären, tertiären Sektor dieses Geld mehrfach wieder zurück. Zum einen, weil so ein Betrieb mit 250, 300, 400 Angestellten einfach etwas produziert. Da sind Zulieferer. Da sind Menschen, die hinkommen. Da gibt es Umsatzsteuer. Zum zweiten kommen noch die Ausgaben der Theaterbesucher dazu: für Restaurants, den Friseurbesuch vorab, eventuell für Hotelübernachtungen, Fahrtkosten, Parkgebühren, weil sich einer noch einen neuen Anzug kauft dafür, und, und, und…

Nun verhält es sich ja in der öffentlichen Wahrnehmung ein bisschen anders. Bei der Bevölkerung kommt momentan das Gefühl auf, und das wird ja auch oft vermittelt: Kultur kostet eine ganze Menge Geld. Die Kommunen sind mehr als pleite. Viele stehen vor der Frage, was sie eher schließen müssen: Ein Schwimmbad, eine Schule oder vielleicht doch das Theater? Hagen, nehmen wir das Beispiel noch mal, ist eine der am meisten verschuldetsten Städte dieses ganzen Landes, wenn man es in Pro-Kopf-Verschuldung misst. Jetzt kommt also eine Initiative daher und sagt „So, wir Künstler müssen mehr Geld haben“. Fürchten Sie nicht auch, dass Sie da ein Problem in der öffentlichen Wahrnehmung bekommen können?

Christian Sist: Nein, das fürchten wir gar nicht, weil wir aufklären und gute Argumente haben. Und es geht uns darum, dass faire Bedingungen hergestellt werden. Wenn ein  Künstler 1780 Euro brutto im Monat verdient, ist er klar unter Mindestlohn. Es muss mir jemand erklären, warum der akademisch Ausgebildete nach Vertrag Öffentlicher Dienst 2500 Mindestgage Einstiegsgehalt bekommt und der ebenso akademisch ausbildete Künstler, der im gleichen Haus arbeitet, eindeutig weniger bekommt – nur weil er nach einer anderen Vertragsform, nämlich NV-Bühne, bezahlt wird. Das ist vollkommen unlogisch und ich meine auch rechtlich gar nicht möglich bei öffentlich finanzierten Organisationen.

„Es ist genug Geld da, es ist nur falsch verteilt“ – so hat es die Schauspielerin Lisa Jopt formuliert, die das „Ensemble Netzwerk“ gegründet  hat. Sehen Sie das auch so? Und wo steckt es denn, dieses Geld?

Christian Sist: Absolut, es ist mehr als genug Geld da. Was die Entwicklung des letzten Nato-Kampfjets gekostet hat… –  da könnten sie die deutschen Theater 25 Jahre lang weiter unterhalten. Wenn Deutschland jetzt seinen Nato-Verteidigungsetat von ursprünglich 1,5 Prozent auf  3 Prozent erhöht, kann mir doch niemand erzählen, dass kein Geld für Kultur da ist. Eine Bombe von einem Nato-Bomber kostet 50000 Euro. Einmal volltanken kostet irgendwas bei 100000 Euro. Es ist genug Geld da für Versicherungsleistungen, für Dinge, die kein Mensch braucht, die nur schaden. Oder ein anderes Beispiel: 0,05 Prozent Transaktionssteuer auf jede Börsentransaktion würde Deutschland in 10 Jahren vollkommen entschulden. Das haben weise Köpfe, also Harvard-Wissenschaftler, so nachgerechnet. Deswegen finde ich, dass Kommunalpolitiker sehr wohl auch die Aufgabe haben, sich dieser Themen anzunehmen und nicht nur die Kultur zu kürzen, die als einziges Bollwerk noch dasteht gegen diese vollkommene Verblödung unserer Gesellschaft.

Jetzt sind wir bei der ganz großen Politik.

Christian Sist: Ja, das packt mich. Was können Politiker tun? Was kann eine Stadt wie Hagen tun? Sie kann eine Menge tun. Wenn nämlich der Bürgermeister endlich akzeptieren würde, was wissenschaftliche Studien belegt haben: Dass so ein Theater Geld bringt. Wenn man es einfach zusperren würde und es existiert nicht mehr, dann verliert die Stadt netto Geld, auch wenn sie vorweg nichts mehr ausgeben muss.

Wo wurde das denn nachgewiesen? Was sind das für Studien?

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Business-Mann mit Leidensmiene: Christian Sist in einer szenischen Version des „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy.    (Thomas-M.-Jauk/Stage-Pictures-Foto)


Christian Sist: In Leipzig wurde noch vor kurzem etwas gemacht über das Gewandhausorchester. In Linz gibt es eine Studie über den Neubau des Landestheaters, das ich weiß nicht wie viel gekostet hat. Da haben der Bürgermeister und der Landeshauptmann gesagt: „Das war nachweislich die beste Investition überhaupt. In dem Moment, wo wir aufgesperrt haben, haben wir von den 300 Millionen, die wir investiert haben, schon wieder 150 Millionen drinnen gehabt.“ Auch aus den 1980ern gibt es Studien, etwa von McKinsey.

Den Wechsel zum Intendantensessel vollziehen… War das gerade ein Witz oder würden Sie das tatsächlich in Erwägung ziehen?

Christian Sist: Ich habe mich schon bei mehreren Stellen beworben. Ich bin allerdings bisher noch nie weitergekommen. Ich weiß, weil ich es anhand der Volksoper Wien untersucht habe während meines Betriebswirtschaftsstudiums, dass es möglich ist, einen Betrieb so zu führen, dass jeder anständig entlohnt wird. Und dass es eine hohe Auslastung von 90 Prozent geben kann. Indem man eine  Kultur macht, die Respekt gegenüber dem Werk zeigt. Mein großes Vorbild, der ehemalige Intendant des Stadttheater Klagenfurt, Dietmar Pflegerl  – leider schon gestorben -, war 14 Jahre Regisseur und Intendant am Stadttheater Klagenfurt. Der hat über 14 Jahre hinweg eine Auslastung von etwa 98 Prozent geschafft. Klagenfurt ist eine Stadt mit ca. 80000 Einwohnern und das Theater hatte über 5000 Abonnenten. In Klagenfurt war es damals üblich, dass man 12, 13, 14, 15 bis 19 Vorstellungen spielt, mehr als doppelt so viel wie sonst üblich, weil ja schon mal allein 8 Abende mit den Abonnenten voll waren. Der Dietmar hat absolut modernes Theater gemacht, das war überhaupt nicht verstaubt. Das ging an die Salzburger Festspiele, nach Irland und an alle anderen möglichen Plätze. Aber er hat Respekt vor dem Werk gehabt und Respekt vor den Künstlern, die dieses Werk produzieren. Ich brauche keine auf dem Klo sitzenden nackten Nazis, wenn ich „Don Carlos“ von Verdi inszeniere. Brauche ich nicht!

Also ein Appell gegen das moderne Regietheater?  

Christian Sist: Mein geliebter Oskar Werner, österreichischer Schauspieler, auch leider schon gestorben, hat gesagt: „Es geht um die Verwandlung im Theater. Ich muss die Menschen berühren. Ich muss sie verwandeln. Ich muss sie mitnehmen“. Und dieser arrogante Standpunkt, zu sagen: „Wir müssen die Leute erziehen“…. Nein! Wir müssen die Leute berühren. Die Leute sind dankbar, wenn sie gutes Theater haben. Und die Intendanten sind unantastbar, wenn sie gute Auslastungen haben. Gutes Theater ist daher eine Win-Win-Win Situation: Die Stadt und die Kommune verdienen Geld, die Künstler werden ordentlich bezahlt und die Intendanten sind unantastbar. Was braucht es, dass wir das erreichen?

Das Interview wurde im Juli 2016 telefonisch durchgeführt. 

Weiterführende Links:

Homepage Christian Sist

Gemeinnütziger Verein Art but fair

Das OPERNMAGAZIN dankt Thomas Achenbach für die freundliche Überlassung seines Interviews mit Christian Sist

Ein Gedanke zu „Droht den Künstlern auf der Bühne bald die Armutsfalle? – ein Interview mit dem Bassbariton Christian Sist

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