Das Musiktheater im Revier lädt ein zum Fest der Stimmen! – LA GIOCONDA – Oper von Amilcare Ponchielli hatte am 16.4.16 Premiere

Musiktheater im Revier-La Gioconda- Petra Schmidt, Almuth Herbst/Foto (c)_Pedro Mailnowski
Musiktheater im Revier-La Gioconda- Petra Schmidt, Almuth Herbst/Foto (c)_Pedro Mailnowski

Nach der gefeierten NORMA im März nun am gestrigen Abend die ebenfalls umjubelte Premiere von Amilcare Ponchielli’s großer, nicht so häufig aufgeführter,  Oper LA GIOCONDA. Innerhalb weniger Wochen bringt das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier  zwei Schwergewichte der italienischen Oper auf die Bühne. Und das dermaßen überzeugend, dass den Freunden der italienischen Oper nur wärmstens empfohlen werden kann, sich auf den Weg nach Gelsenkirchen zu begeben.  

Das in Gelsenkirchen seit Jahrzehnten große Oper geboten wird, ist allgemein bekannt und oftmals unter Beweis gestellt worden. Aber in den vergangenen Monaten hat sich das Musiktheater im Revier geradezu zu dem Ort für italienische Oper im Revier entwickelt. Nach TOSCA und NORMA nun mit LA GIOCONDA die dritte große Produktion eines italienischen Opernklassikers in nur kurzer Zeit.

Die große künstlerische Leistungsfähigkeit dieses Opernhauses ist nach wie vor die Basis dafür, dass das Musiktheater im Revier ohne Zweifel zu den führenden Opernhäusern NRW’s zu zählen ist.  Und nimmt man diese drei erwähnten Produktionen für sich allein, braucht die Oper Gelsenkirchen durchaus auch nicht den bundesweiten Vergleich zu scheuen. In Zeiten, wo die öffentliche Hand immer mehr die  kommunalen Theater dazu zwingt, ihre Gürtel ständig enger zu spannen, aber das Publikum  weiterhin  herausragende Opernabende erwartet, ist ein kollektives Lob an Häuser, wie das Gelsenkirchener Opernhaus, geradezu eine Pflicht für jeden, der sich mit dieser einmaligen und uns so sehr berührenden Kunstform befasst. Und wenn unter diesen Umständen immer wieder Opernabende wie der gestrige dabei entstehen, so ist  den Künstlerinnen und Künstlern auf der Bühne, den Musikern im Orchestergraben, aber auch den vielen helfenden Menschen hinter den Kulissen gar nicht genug zu danken, dass sie Abend für Abend Kunst und oftmals bleibende Eindrücke von großer Qualität und Intensität ihrem Publikum bieten. Das sei an dieser Stelle stellvertretend für alle Opernhäuser und Theater in – nicht nur – NRW erwähnt.  Deren Pflege und Erhalt ist im Sinne aller und von größter Bedeutung.  Es darf nicht nur in den Händen weniger Entscheidungsträger liegen.

Musiktheater im Revier-La Gioconda- Petra Schmidt, Nadine Weissmann, Derek Taylor / Foto @ Thilo Beu
Musiktheater im Revier-La Gioconda- Petra Schmidt, Nadine Weissmann, Derek Taylor / Foto @ Thilo Beu

Nun aber zur gestrigen Premiere der 1876 in der Mailänder Scala uraufgeführten schaurig-schönen Oper LA GIOCONDA. Ich schreib es gern, aber es passt nun auch hier mal wieder: ein Meisterwerk über das sein Komponist ein Füllhorn schönster Musik ausgeschüttet hat. Eine durchkomponierte Oper mit vielen musikalischen Höhepunkten, die mal ergreifend, effektvoll, dann wieder wuchtig-dramatisch, aber immer von besonderer musikalischer Schönheit sind.  Gelsenkirchens GMD Rasmus Baumann hat die Partitur dem Publikum spürbar werden lassen, hat die musikalische Sprache Ponchiellis zusammen mit der glänzend aufgelegten Neuen Philharmonie Westfalen wunderbar in Emotionen und Wohlklang übersetzt und gestaltete einen überragenden italienischen Opernabend. Hochverdient der große Applaus und die Bravorufe für ihn und sein Orchester.

Handlung und szenische Umsetzung der LA GIOCONDA

La Gioconda lebt zusammen mit ihrer erblindeten Mutter als Straßensängerin in Venedig.  Obgleich der Name Gioconda ‚mit Freude‘ bedeutet, hat sie ein eher freudloses, tragisches Leben und Schicksal.  Sie wird heimlich von Barnaba, einem Spitzel der Obrigkeit und der Inquisition, angebetet. Aber ihr Herz gehört nur einem allein: Enzo, einen Edelmann aus Genua. Enzo liebt seinerseits Laura, die Gattin des Alvise Badoero, einem hohen Inquisitionsbeamten. Barnaba „arrangiert“ für Enzo und Laura ein nächtliches Rendezvous auf Enzos Schiff, aber gleichzeitig warnt er Lauras Gatten. Der dramatisch überladene Plot zerrt den Zuschauer von einer dramatisch-tragischen Wendung in die andre. Am Ende der Tragödie führt eine Gondel Enzo und Laura vermeintliche ins Glück , während Gioconda, die für die Rettung Enzo’s sich scheinbar dem Spitzel Barnaba hingibt, am Ende Selbstmord begeht. Barnaba ruft ihr im Sterben noch zu, dass er ihre blinde Mutter ertränkt habe. Wahrlich eine schaurige Geschichte.

In Gelsenkirchen nahm sich das Regieteam Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka der Inszenierung der Oper an. Sie versetzten die Handlung in ein neuzeitliches Gewand, was Kostüme ebenso wie Bühnenbild betrifft, und in eine graue und triste Umgebung, die an eine Militärjunta südamerikanischer Prägung erinnerte. Die Wand der großen drehbaren Kulisse, die mit Briefkästen gespickt war, lässt Panama nicht nur schwach erahnen. Aber die Regie war nicht zimperlich mit Bezügen, mal schwächerer, mal stärkerer Natur, auf die aktuelle politische Lage in der Welt. Sie lässt La Gioconda als eine im Grunde dann doch sehr starken, höchst emanzipierten, Frau agieren, die in einer von Herrschsucht geprägten Männerwelt ihre Rolle findet. Und sei es auch um den Preis ihres eigenen Lebens.

Musiktheater im Revier-La Gioconda-Foto @ Pedro Malinowski
Musiktheater im Revier-La Gioconda-Foto @ Pedro Malinowski

Das Bühnenbild setzt sich aus holzvertäfelten Wänden zusammen, die je nach Akt und Handlungssituation durch die Drehbühne veränderbar ist. Sei es zu einem Gerichtssaal, einem bescheidenen „Unterschichten-Wohnzimmer“ , einer Leichenhalle, oder auch zu einer Partymeile. Die Regisseurinnen und Kostüm-und Bühnenbildnerinnen Szemerédy und Pardikta haben LA GIOCONDA in ein anderes Kleid gesteckt. Ein Kleid das, wie es am Ende der Oper auch tatsächlich so war, irgendwie nicht passen wollte. Die durch die Komposition vorgegebene Dramatik  der Handlung kann, muss aber nicht, zusätzlich Verstärkung finden, in dem Regie versucht Erklärungen zu finden oder aktuelle Bezüge zu erstellen. Warum am Ende des zweiten Aktes eine Reihe von Menschen mit Koffern in den Händen bei den letzten Takten der Musik mit lauten Gewehrsalven erschossen werden mussten und damit den eigentlichen musikalischen Knalleffekt der Oper an dieser Stelle beraubten, ist mir allerdings nicht ergründlich. Insgesamt eine durchaus zulässige Deutung der Oper, aber an einigen Stellen der Inszenierung bleiben Fragen offen, wo es eigentlich keiner Fragen bedurfte. Und wenn, höre man einfach in die Komposition von Ponchielli hinein.

Ungeteilte Freude und Anerkennung aber für das gesamte musikalische Team dieser glanzvollen LA GIOCONDA.

Der musikalische Leiter des Abends, GMD Rasmus Baumann ist bereits zu Beginn dieses Rezension, zusammen mit der Neuen Philharmonie Westfalen, ausführlich für seine Leistung erwähnt worden. Dirigent und Orchester haben einen mitreißenden und  packenden „Ponchielli“ gespielt, wie es wohl derzeit nicht oft zu finden ist!

Der Opernchor und der Extrachor des Musiktheaters im Revier hatte viel zu leisten in diesem von vielen auch als „Choroper“ bezeichneten Musikwerk. Unter der Leitung von Chordirektor Christian Jeub begeisterten sie wieder einmal das Publikum auch in der gestrigen Premiere. Großartig, wie der Chor und Extrachor, neben seinen vielen anspruchsvollen gesanglichen Leistungen, sich auch spielerisch in die Inszenierung und das Bühnenbild integrierte.

Der sehr berühmte „Tanz der Stunden“ ( der hier in besonders düsterer Weise durch das Regieteam umgesetzt und gestaltet wurde ) wurde von  Tänzerinnen und Tänzern des Balletts im Revier eindrucksvoll vorgetragen und interpretiert. (Choreografie Martin Chaix)

La Gioconda – ein Fest der Sängerinnen und Sänger

Nicht erst, aber sicher auch wesentlich durch sie, seit der legendären Maria Callas und ihrer vielfach auf Schallplatte und CD erhältlichen Aufnahme der Oper LA GIOCONDA und der bis wohl in alle Zeiten nicht erreichbaren Interpretation der Arie „Suicidio!“, gilt diese Oper als ein Fest für Opernstimmen.

Und das Musiktheater im Revier lädt ein zum Fest der Stimmen!

Musiktheater im Revier-La Gioconda- Piotr Prochera / Foto @ Thilo Beu
Musiktheater im Revier-La Gioconda- Piotr Prochera / Foto @ Thilo Beu

Piotr Prochera, ein Traum-Barnaba! In Statur, in Gestik und vor allem im Gesang überzeugt der polnische Bariton auf ganzer Linie. Für mich eine der besten sängerischen Leistungen des Abends.

Dong Won Seo sang die Basspartie des Alvise höchst souverän und vermittelte in den entscheidenden Momenten (Szene der Verurteilung der Laura) der Partie die unmenschliche Boshaftigkeit, die dieser Rolle zugrunde liegt.

Der US-amerikanische Tenor Derek Taylor war nicht nur optisch ein ansehnlicher Edelmann Enzo, vielmehr steigerte er sich in dieser Partie von Szene zu Szene.

Musiktheater im Revier-La Gioconda- Derek Taylor und Petra Schmidt
Musiktheater im Revier-La Gioconda- Derek Taylor und Petra Schmidt

Es war ihm anzumerken, dass er alles in die Arie (immerhin eine der berühmtesten Tenorarien überhaupt) „Cielo e mar“ gab und er sang sie dann auch sehr berührend und mit dem nötigen *Italita“ und Schmelz in der Stimme. Ab da war der stimmliche Knoten geplatzt und Derek Taylor hatte wunderbare gesangliche Momente in dieser recht anspruchsvollen Partie.

William Saetre und Michael Dahmen gaben den Zuane und den Isepo und fügten sich  dem insgesamt hohen Niveau der gesanglichen Leistungen ein.

Almuth Herbst, sang die blinde Mutter der Gioconda mit warmen Mezzo und ergreifendem Spiel. Die Gerichtsszene mit ihr wurde zu einem der musikalischen Höhepunkte der Aufführung.

Musiktheater im Revier-La Gioconda- Nadine Weissmann und Dong Won Seo / Foto @ Thilo Beu
Musiktheater im Revier-La Gioconda- Nadine Weissmann und Dong Won Seo / Foto @ Thilo Beu

Großartig zu nennen ist die Leistung von Nadine Weissmann in der Rolle der unglücklichen Laura. Die Berliner Mezzosopranistin legte erstaunlich viel Gefühl und Dramatik in die gesangliche Interpretation ihrer Laura, dass es mehr als Worte bedürfte, dies hier ausreichend würdigend zu beschreiben. Eine tolle Leistung!

Mit Petra Schmidt verfügt das Musiktheater im Revier seit Jahren über eine Sopranistin von Rang. So auch am gestrigen Abend. Teilweise war auch bei ihr die „Grabesstimme“ zu hören, die eine Gioconda so unverwechselbar macht. Die Ansprüche, die Ponchielli an die Interpretinnen seiner Gioconda stellt, sind enorm. Einerseits sind es die Höhe und die Tiefe der Partie, anderseits auch die großen Massenszenen, in denen eine Gioconda sich stimmlich im wahrsten Sinne „herausragend“ beweisen muss. All das ist Frau Schmidt in der Premiere bewundernswert gelungen. Ihre Version der „Suicidio“ -Arie ist ganz sicher auch ein Höhepunkt des gestrigen Abends geworden. Bravo für eine insgesamt tolle Leistung!

Fazit: Große italienische Oper im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen ! Ein Fest der Stimmen und der wundervollen Musik von Amilcare Ponchielli*s großer Oper LA GIOCONDA

*Titelfoto: (c) Thilo Beu (Petra Schmidt als La Gioconda)

*Weitere Infos, Termine und Eintrittskarten unter DIESEM LINK

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.