Staatsoper Unter den Linden Berlin/Tristan und Isolde/ Andreas Schager (Tristan), Anja Kampe (Isolde)/ Foto @ Credits: Monika Rittershaus

Berlin – Staatsoper Unter den Linden: „Tristan und Isolde“ als Cocktailparty

Staatsoper Unter den Linden Berlin/Tristan und Isolde/ Andreas Schager (Tristan), Stephen Milling (König Marke), Ensemble/ Foto @ Monika Rittershaus
Staatsoper Unter den Linden Berlin/Tristan und Isolde/ Andreas Schager (Tristan), Stephen Milling (König Marke), Ensemble/ Foto @ Monika Rittershaus

Dass der neue „Tristan“ an der Berliner Staatsoper Unter den Linden musikalisch etwas ganz Außergewöhnliches ist, hatte  sich offensichtlich vor  der 3. Vorstellung am 18.02.2018 schon herumgesprochen: es wurden Besucher gesichtet, die die gesamte Aufführung mit durchaus größerem Equipment mitgeschnitten haben. Das ist sonst in Berlin eher selten. Denn es gibt natürlich von diesem neuen Tristan-und-Isolde-Traumpaar, Andreas Schager und Anja Kampe, noch keine Aufnahme.

 
 

 
Die Lindenoper ist ausverkauft, sogar die ganz seitlichen Randblöcke im 3. Rang (Hörerplätze genannt) sind voll besetzt. Dort oben, wo man normalerweise noch eine Sicht von ca. 30 bis 40 Prozent hat, wird man heute kaum mehr etwas sehen; die Bühne ist um gut die Hälfte in ihrer Größe reduziert, d.h. der obere Teil des Bühnenraums ist mit einem schwarzen Tuch komplett abgedeckt (senkrecht nach unten). Im unteren Bereich hat der Regisseur und Bühnenbildner Dmitri Tcherniakov seine Innenräume eingerichtet, die im 1. und 2. Aufzug so aussehen, wie man sich in den James Bond-Filmen der 1960er-Jahre Inneneinrichtungen vorgestelllt hat – inklusive großer Cocktailparty. Davor ist zudem ein sehr dichter Gaze-Schleier mit starkem Nebelschimmer vorgespannt; dieser Schleier ist dichter als man das sonst (z.B. von den Bühnenbildern Achim Freyers oder Erich Wonders her) kennt. Das macht den ohnehin schon kleinen Raum noch kleiner – ein spätestens im 2. Aufzug nicht mehr auszuhaltender, ärgerlicher  szenischer Gegenpart zur Musik. Das ist grotesk! Der  elegische und doch stets gewaltige und auch laute  Wagner-Klang der Staatskapelle Berlin, unter der Leitung von Daniel Barenboim, braucht Freiraum. Wer das Glück hat, im 3. Rang seitlich zu sitzen, kann das leicht ausblenden, und betrachtet die schwarze Fläche des oberen Bühnenraums. Warum der Bühnenraum überhaupt reduziert wurde, erschließt sich nicht. Sollte es zutreffen, was gesagt wird, dass Tcherniakov auch den nächsten Berliner Staatsopern „Ring“ inszenieren soll, dann könnte das der zweite Fehlgriff in Folge sein, was „Ring“ und Staatsoper angeht. Dies nur nebenbei.
 
Staatsoper Unter den Linden Berlin/Tristan und Isolde/ Andreas Schager (Tristan), Anja Kampe (Isolde)/ Foto @ Credits: Monika Rittershaus
Staatsoper Unter den Linden Berlin/Tristan und Isolde/ Andreas Schager (Tristan), Anja Kampe (Isolde)/ Foto @ Credits: Monika Rittershaus

Andreas Schager singt den Tristan mit einer schon provozierenden Leichtigkeit (die niemals ein Problem hat mit der lauten Staatskapelle), vom Anfang bis zum Ende. Auch im 3. Aufzug keine sichtbaren oder hörbaren Ermüdungserscheinungen !  Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Etlichen sehr guten Tristan-Sängern war am Ende der Oper die Anstrengung meist überdeutlich anzusehen. Beim Schlussapplaus denkt man, er, Schager, könnte nun als Zugabe den 3. Aufzug gleich noch einmal singen.

Stephen Milling singt einen soliden „König Marke“; der Staatsopern-Stammgast fragt sich aber vielleicht, warum hat man für diese Produktion nicht den zum Haus gehörenden René Pape dafür gewählt? Pape ist möglicherweise der beste Marke der Gegenwart. Aber heute sind die drei „Stars“ des Abends Schager, Kampe und die Staatskapelle Berlin
 
Staatsoper Unter den Linden Berlin/ Tristan und Isolde/ Andreas Schager (Tristan), Anja Kampe (Isolde)/ Foto @ Monika Rittershaus
Staatsoper Unter den Linden Berlin/ Tristan und Isolde/ Andreas Schager (Tristan), Anja Kampe (Isolde)/ Foto @ Monika Rittershaus

Genau deswegen sollte man sich, wenn man in Berlin lebt, jede Vorstellung dieser Produktion anhören (am besten von ganz oben, von den Hörerplätzen im 3. Rang). Wenn Anja Kampe den Liebestod singt, kann man ja auch zurückdenken an die zuletzt aufgeführte Tristan-Produktion der Lindenoper, an den zeitlos-düsteren Harry-Kupfer-Tristan, mit seinem gefallen übergroßen Engel auf der ansonsten leeren Bühne. Am Ende haben bei Kupfer die Toten auf den Flügeln des Engels gelegen, Isolde stand davor und hat den „Liebestod“ gesungen, das Licht ist langsam dunkler geworden und  die Musik hatte den Freiraum den sie bei diesem Werk braucht.  Bei Tcherniakov ist davon absolut nichts zu sehen.

 
Ich hoffe, die Staatsoper behält sich (vorsorglich) die Harry-Kupfer-Tristan-Requisiten noch………………..
 
 

* Besuchte Vorstellung 18.02.2018 

 * Gastrezension von  Josef Fromholzer, Berlin
 
 
* Titelfoto:  Staatsoper Unter den Linden Berlin/Tristan und Isolde/ Andreas Schager (Tristan), Anja Kampe (Isolde)/ Foto @  Monika Rittershaus
 
* Weitere Informationen und Termine unter DIESEM LINK 
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.