Bayreuth Ring 2016: Gut abgestanden mit Krokodilstränen – Wieder hieß es: „Ring frei“ für die Wagner`sche Tetralogie

Wagner-Festspielhaus Bayreuth1995.jpg //  CC BY-SA 2.0 de (L. Spurzem @ Lizenz ''Creative Commons'' )
Wagner-Festspielhaus Bayreuth1995.jpg // CC BY-SA 2.0 de (L. Spurzem @ Lizenz “Creative Commons“ )

Wieder hieß es: „Ring frei“ für die Wagner`sche Tetralogie. Vielleicht hat Marek Janowski – spätberufener Bayreuth-Interpret aus Leidenschaft – ja einige der von Göttin Freia verwalteten Äpfel der ewigen Jugend abbekommen. Jedenfalls hielt der 77-jährige den „Vorabend“ wie die drei anstrengenden „Tage“ des „Rings“ standhaft durch. Während die Interpretation von Regisseur Frank Castorf im vierten Jahr der (fast) immer gleichen Inszenierung keine Protestlawine mehr auszulösen vermag, schaffte es der Nestor hinter dem Dirigentenpult, das Interesse der Kritiker aufzustacheln.

Leider fiel diese Zuwendung nur stückweise zu Janowskis Vorteil aus: Obwohl ein Teil der Presse den – gewesenen? – Eiferer wider das Regie-Theater feierte, musste der Veteran auch eine Latte an Verrissen über sich ergehen lassen. Nicht ganz zu Unrecht: Schließlich pochte der gebürtige Warschauer von Anfang an auf den Primat der Wagner`schen, urgewaltigen Musik. So scherte er sich nur wenig um das Bühnengeschehen weiter oben, wo etwa die reizenden Rheintöchter ihr alljährliches Stelldichein feierten.

Womit sich die Frage stellt, ob aus dem „Ring des Nibelungen“ auf diese Weise tatsächlich der „Ring des Janowski“ wurde? Auch hier wieder gelangt man zu dem Schluss: Ja und nein. Marek Janowski wagt, Wagner zu neuen Tempo- Rekorden aufzupeitschen oder verfehlt diese wenigstens nur um ein paar Minuten. Immer wieder verschafft der reife Debütant sich die eine oder andere Sekunde Vorsprung vor dem szenischen Personal. So, als höhnte er im Geheimen: „Ich war zuerst da!“

Die Rheintöchter Wellgunde, Floßhilde und Woglinde (Stephanie Houtzeel, Wiebke Lehmkuhl, Alexandra Steiner) beispielsweise, welche im „Rheingold“ rund um ein Quietscheentchen im Swimmingpool postieren dürfen, geraten in der „Götterdämmerung“ mächtig ins Schwitzen.

Denn ihr Dirigent überholt sie quasi auf der rechten Spur. Die Gesamtschau der Inszenierung bleibt daher ambivalent, und spätestens bei der vierten und letzten Aufführung dämmert es manchem im Publikum: Das hätte man musikalisch auch anders machen können – oder müssen. Vielleicht wie Kirill Petrenko, der smarte Vorgänger Janowskis im Bayreuther Orchestergraben. Nach drei Jahren im Dienste der Festspiele wechselte der Russe letztes Jahr zu den Berliner Philharmonikern.

Trotzdem gab es unbestreitbar auch viel Zustimmung im „heiligen Gral“ aller Opernfreunde, dem nach wie vor herausfordernd hart bestuhlten Festspielhaus. Ein vierstelliger Betrag ist eigentlich zu viel Geld, um meckernd in der Holzklasse zu landen. Tradition, so viel ist damit erwiesen, kann echt anstrengend sein. Aber für Bayreuth nimmt man so einiges in Kauf.

Unter manchen gut betuchten, verwöhnten Hintern schiebt sich an den vier „Ring“-Abenden ein in Eigenregie an der Garderobe ergattertes Kissen. Derart gewappnet, lässt sich der musikalische Marathon aus dem 19. Jahrhundert gleich viel besser überstehen. Wie immer, wollten sich das knapp 2000 Zuschauer von allen Kontinenten nicht entgehen lassen. Obwohl der erste wie auch der zweite Eindruck zeigen, dass die leicht ausgelutschte Castorp-Kaskade allzeit unbeliebter ist als Tristan oder Parsival, präsentierte sich das Festspielhaus mehr oder weniger voll besetzt.

Zumindest für die Sänger des „Rings“ – insbesondere Catherine Foster als gestandene Brünnhilde oder Albert Pesendorfer (Hagen) – lohnt sich die Hockerei auf hartemGestühl. Auch die anfangs erwähnten Rheintöchter sind das Ausharren im nüchternen Bühnenraum wert. Zur Belohnung für seine Sangeskunst darf das Trio in der Hitze des Festspielhauses heuer ins Nass eines Bauhaus-Pools – eine minimale Neuerung gegenüber dem Vorjahr.

Ansonsten gilt: Die Krokodile auf dem Berliner Alex am Ende des „Siegfried“ vermehren sich jedes Jahr erfolgreich. Und eines verdient sich dank Castorfs unkaschierter Lust am Blödeln inzwischen einen Keks, den ihm Siegfried, der Recke, verabreicht. Das jagt keinem Freudentränen in die Augen. Aber schräg-lustig ist es irgendwie dennoch.

Gastkritk von Dr. Daniela Egert 4.8.16

 

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