BAYERISCHE STAATSOPER/AUS EINEM TOTENHAUS: ENSEMBLE DER BAYERISCHEN STAATSOPER/ Foto © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München: Frank Castorf inszeniert „AUS EINEM TOTENHAUS“ – Bildergewaltig – üppig

Bayerische Staatsoper/ AUS EINEM TOTENHAUS: STATISTERIE DER BAYERISCHEN STAATSOPER, MATTHEW GRILLS (KEDRIL / SCHAUSPIELER), BO SKOVHUS (ŠIŠKOV), CALLUM THORPE (DON JUAN)/ Foto © Wilfried Hösl
Bayerische Staatsoper/ AUS EINEM TOTENHAUS: STATISTERIE DER BAYERISCHEN STAATSOPER, MATTHEW GRILLS (KEDRIL / SCHAUSPIELER), BO SKOVHUS (ŠIŠKOV), CALLUM THORPE (DON JUAN)/ Foto © Wilfried Hösl

Bildergewaltig und üppig ausgestattet: Frank Castorf inszeniert Leoš Janáčeks „AUS EINEM TOTENHAUS“ an der Bayerischen Staatsoper in München (21.05.2018)

 

Der Regisseur Frank Castorf, der schon lange als Spezialist für die Texte von Dostojewski gilt, ist eine ideale Wahl für diese letzte Oper von Leos Janacek auf der – sehr großen ! – Bühne der Bayerischen Staatsoper in München. Dass diese Produktion teuer ist, sieht man ihr an. Hier haben Castorf und sein Bühnenbauer Aleksandar Denić genug Platz für den Bühnenaufbau und die stets dazu gehörende Drehbühne. Üppig ausgestattet ist diese Inszenierung darüber hinaus. Sogar echte Kaninchen sind auf der Bühne (in einem klassischen, bäuerlichen Hasenstall). Eine lineare Handlung wird im TOTENHAUS nicht erzählt. Jedoch entsteht eine eigene, archaische, grausame, sibirische Lager-Welt – eben bestens ausgestattet!

BAYERISCHE STAATSOPER/AUS EINEM TOTENHAUS: ENSEMBLE DER BAYERISCHEN STAATSOPER/ Foto © Wilfried Hösl
Bayerische StaatsoperAUS EINEM TOTENHAUS: ENSEMBLE DER BAYERISCHEN STAATSOPER/ Foto © Wilfried Hösl

Beim Verlassen der Oper, nach dem Ende der Aufführung, konnte man Stimmen hören, die genau von dieser üppigen, und in gewissen Momenten auch sehr realistischen Ausstattung begeistert waren. Peter Stein, Version 4.0 – zugespitzt formuliert. Das ist  ausschließlich positiv gemeint. Castorfs Arbeiten sind (eigentlich) immer für die große Bühne ausgelegt – da auch die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz (wo Castorf 25 Jahre Intendant war) einen großen Bühnenraum bietet. Das Bühnenbild-Gefangenenlager mit hohem Zaun, Scheinwerfer, Hütte, Krankenstation und auch kleiner Kirchenkuppel – ergänzt durch eine Pepsi-Werbung in kyrillischer Schrift, und 2 großen Filmplakaten, beeindruckt. Das Licht von der Seite und von hinten, tut ein Übriges dazu. Castorfs Inszenierungsstil ist mittlerweile – bei russischen Stoffen – ganz offensichtlich etwas realistischer, klassischer, geworden. Das hatte sich bereits ganz am Ende seiner Volksbühnen-Intendanz mit seiner letzten Inszenierung, Dostojewskis „Ein schwaches Herz“, angedeutet, und kurz darauf in Zürich fortgesetzt („Die fremde Frau und der Mann unter dem Bett“). Die Live-Kamera bei AUS EINEM TOTENHAUS ist eine andere, als im Sprechtheater des Regisseurs Castorf, da die Sänger, wenn sie singen, immer draußen, also vor der Bühnenhütte, sein müssen. Das Filmen innerhalb des Bühnenbilds beschränkt sich auf die Sänger, die gerade nicht singen. Die Videoleinwand sorgt u.a. auch dafür, dass man das viele Blut und die dazugehörenden Wunden in der Krankenstation des Lagers, überdeutlich sieht. Hier wird nichts beschönigt.  Wie wichtig Castorf das realistische Zeigen der Grausamkeit des Lagerlebens in diesem Werk ist, hatte er kurz davor noch im BR KLASSIK Foyergespräch, eine halbe Stunde vor Premierenbeginn, gesagt.

Bayerische Staatsoper/ AUS EINEM TOTENHAUS: BO SKOVHUS (ŠIŠKOV)/ Foto © Wilfried Hösl
Bayerische Staatsoper/ AUS EINEM TOTENHAUS: BO SKOVHUS (ŠIŠKOV)/ Foto © Wilfried Hösl

Es ist eine heftige Oper, leidenschaftlich und in einzelnen Momenten auch sehr laut; so kann man es empfinden, wenn man direkt oberhalb des Orchestergrabens sitzt. Die australische Dirigentin Simone Young leistet Schwerstarbeit, was ihr anzusehen ist, wenn man so sitzt, dass man gute Einsicht in den Graben hat. Sie wird am Ende den meisten und heftigsten Applaus bekommen. Sie meistert alle Feinheiten und Facetten dieses nicht leicht zugänglichen Werks.

Von dem großen Sängerensemble (in dem es keine Hauptrolle gibt) sticht am stärksten der dänische Bariton BO SKOVHUS (als Siskov) hervor; dies liegt nicht nur an seiner Stimme (mit großem Wiedererkennungspotential) sondern auch an der langen Partie, die er am Ende der Oper singt. Einen weiteren Anteil hat sein optischer Auftritt in dieser Inszenierung: schwarzer Mantel mit Pelzkragen, Ketten und eine Axt tragend, und die Beulenpest im Gesicht. So steht er vorne an der Bühnenrampe und am Zaun des Lagers; und so sieht man ihn überlebensgroß auf der Leinwand.

„El Asesinato De Trotsky“ – es gibt einen kurzen, optischen Ausflug nach Mexiko mit den dazugehörenden Maskierungen (Skelette !), da Castorf einen Bezug zu Trotzkis Wohnhaus in Mexiko sieht. Das Filmplakat zur spanischen Fassung eines französisch-italienischen Spielfilms („Die Ermordung Trotzkis“, aus dem Jahr 1972) hängt direkt oberhalb des Hasenstalls. Das Interesse des Betrachters wird spätestens dann geweckt, wenn man die Darsteller des Streifens liest:  Romy Schneider, Richard Burton, Alain Delon ! Ja, gibt es diesen Film wirklich ? Das war der erste Gedanke. Der Film scheint, trotz der internationalen Spitzenbesetzung, unbekannt zu sein. Und so ist es auch. In Deutschland lief dieser Spielfilm 1972 nur kurz unter dem Titel „Das Mädchen und der Mörder“ im Kino. Eine DVD der deutschen Fassung gibt es bis heute nicht. Recherchiert man weiter, dann stellt man fest, dass es lediglich eine – spanische – DVD gibt, auf der auch die englische Fassung zu finden ist. Eine filmische Entdeckung in Castorfs archaischer, russischer Bühnenwelt ! Zur Nachbereitung des Opernabends, vor dem heimischen Bildschirm…………….

Großer Jubel für alle Beteiligten am Ende beim Schlussapplaus, ein paar Buh-Schreier von ganz oben, Galerie, für Frank Castorf und sein Regieteam. Aber das gehört dazu, und zeigt lediglich, wie gut die Inszenierung ist. Die Applaus-Königin des Abends ist verdientermaßen Simone Young.

 

  • Rezension der besuchten Premiere von Josef Fromholzer

 

  • Weitere Infos, Termine und Kartenvorverkauf unter DIESEM LINK (Homepage Bayerische Staatsoper)
  • Titelfoto: BAYERISCHE STAATSOPER/AUS EINEM TOTENHAUS: ENSEMBLE DER BAYERISCHEN STAATSOPER/ Foto © Wilfried Hösl

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