Mariinski-Theatre/Ballett/ Foto @ Natasha Razina

Baden-Baden: Ein neu geschliffener Tanz-Diamant „Paquita“ – erste Aufführungen der Neuinszenierung außerhalb Russlands

Mariinski-Theatre/Ballett/ Foto @ Natasha Razina
Mariinski-Theatre/Ballett/ Foto @ Natasha Razina

Ein lange vergessenes Ballett in neuer, glanzvoller Inszenierung: die Neuproduktion des alten Klassikers „Paquita“ kommt mit dem Mariinsky Ballett aus St. Petersburg am 23. und 27. Dezember im Festspielhaus Baden-Baden zum ersten Mal außerhalb von Russland auf eine Bühne.

Die Geschichte des geraubten Mädchens, das durch seine Tanzbegeisterung das Herz eines feschen Adligen gewinnt, wurde von Yuri Smekalov inhaltlich und choreographisch überarbeitet, verlorene Teile ergänzte er sorgfältig. Die Ausstattung begeistert durch die aufwendig gearbeiteten Kostüme, die feinen, gemalten Bühnenbilder und durch die Pracht der geschmackvoll auserwählten Farben. „Paquita“ funkelt, wie ein neu geschliffener Tanz-Diamant.

Hoch virtuos – aufwendige Ausstattung

Der letzte Akt von „Paquita“ war schon mehrfach bei Galas im Festspielhaus zu sehen – mit zahlreichen hochvirtuosen Variationen ist dieser berühmte Grand Pas Classique von Marius Petipa ein Glanzstück des klassizistischen Balletts, das als handlungslose Tanzszene, losgelöst von der inzwischen vergessenen Handlung, über die Jahrhunderte tradiert wurde. „Paquita“ ist eigentlich ein sehr altes Ballett, das noch aus der französischen Romantik stammt und damit etwa 50 Jahre älter ist als die großen Klassiker von Tschaikowsky und Petipa. Genau wie „Giselle“ feierte das Werk in Paris große Erfolge, weshalb die aufstrebende Ballettstadt St. Petersburg sich „Paquita“ an den Zarenhof holte. Anders als in den meisten romantischen Balletten gibt es hier keine Geisterwesen, keine bleichen, fliegenden Mädchen, sondern nur quicklebendige Menschen, die bevorzugt im spanischen Stil tanzen. Stattdessen wartete das Libretto von 1846 aber mit lokalpolitischen Verwicklungen aus einem französisch-spanischen Krieg auf, die bereits wenige Jahre später kaum mehr verständlich waren. Die frühe Entstehungszeit bedeutet auch: sehr viel pantomimisch erzählte Aktion, viel folkloristischer Charaktertanz, wenig Tanz für die Männer, mehr Ausstattung als Plausibilität.

Statt das gesamte Ballett zu rekonstruieren, das in St. Petersburg seit etwa einhundert Jahren nicht mehr gespielt wurde, beschloss Yuri Smekalov deshalb, nur die tradierten Teile der Choreographie zu behalten, den Rest aber dramaturgisch und choreographisch gründlich zu überarbeiten. Mit allen Raffinessen wurde der Grand Pas Classique des letzten Aktes vom Spezialisten Yuri Burlaka nach den alten Quellen einstudiert, mit einer Mazurka für zwölf Kinderpaare und mit seinen insgesamt sechs Frauenvariationen, die im Lauf der Zeiten für ausgewählte Starsolistinnen entstanden sind. Das Libretto gestaltete Smekalov nach der alten Novelle „Das Zigeunermädchen“ von Cervantes neu, wo eine ganz ähnliche Geschichte wesentlich schlüssiger erzählt wird. Während die tanzbegeisterte Paquita auf diese Weise an Selbstbewusstsein gewann, wurde die Figur des männlichen Helden vom tatenlosen Offizier zum heftig verliebten Sympathieträger, Smekalov sorgt außerdem für wesentlich mehr Tanz statt Pantomime und rasante Szenen voller Humor.

Mariinski-Theatre/Ballett/ Foto @ Natasha Razina
Mariinski-Theatre/Ballett/ Foto @ Natasha Razina

Musikalisch ist „Paquita“ eine Art One-Hit-Wonder des französischen Komponisten Edouard-Marie-Ernest Deldevez. Er blieb ansonsten weitgehend unbekannt, dafür aber klingt die Partitur erstaunlich schwungvoll, Yuri Smekalov arbeitete auch an der musikalischen Dramaturgie. Wie im 19. Jahrhundert üblich, wurde die Musik später mehrfach durch einzelne Variationen und Nummern ergänzt, sie stammen vom „Don Quijote“-Komponisten Ludwig Minkus und vom St. Petersburger Hofballettkomponisten Riccardo Drigo.

Die Premiere der neuen „Paquita“ fand zur Eröffnung des 17. Internationalen Ballettfestivals im März 2017 am Mariinsky-Theater statt, die Aufführung wurde heftig gefeiert und fand international große Beachtung. „Paquita“ ist eine Hommage an das goldene Zeitalter des russischen Balletts, geprägt von größtem Respekt gegenüber dem unerreichten Meister des Klassizismus, Marius Petipa, und getanzt von der Kompanie, die sein Erbe und seinen Stil durch alle Umbrüche und politischen Systeme Russlands bis heute bewahrt.

Solistinnen und Solisten sind in Baden-Baden (u.a.):

Paquita: Viktoria Tereshkina (23.12.) und Anastasia Kolegova (27.12.)

Andrés: Timur Askerov (23.12.) und Andrej Yermakov (27.12.)

 

  • Weitere Informationen: www.festspielhaus.de

  • Titelfoto: Mariinski-Theatre/Ballett/ Foto @ Natasha Razina

 

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