Emily Newton (Tatjana), Simon Mechlinski (Eugen Onegin) / Foto Anke Sundermeier, Stage Pictures

„Alle haben sich verloren, viele haben alles verloren“ – Premiere der Oper „EUGEN ONEGIN“ – Oper Dortmund am 2.12.2017

Emily Newton, Luke Stoker, Simon Mechlinski in„Eugen Onegin“. Foto: (c) Björn Hickmann
Emily Newton, Luke Stoker, Simon Mechlinski in „Eugen Onegin“. Foto: (c) Björn Hickmann

(Bericht der Opernpremiere v. 2.12.17) – Tschaikowskys Oper EUGEN ONEGIN gilt als eine der Höhepunkte der romantischen russischen Oper. Die Verschmelzung einer Geschichte von unglücklichen, unerfüllten und nie zustande gekommenen Beziehungen und der genialen Musik des russischen Komponisten begeistert und berührt die Opernbesucher immer wieder aufs Neue. In der Oper Dortmund erlebte EUGEN ONEGIN am gestrigen Abend seine Premiere und das Publikum bedankte sich am Ende der Vorstellung bei allen Beteiligten mit großem Applaus und Bravorufen für ihre Leistungen. Das Wagnis, nicht in Kitsch zu verfallen, aber dennoch zutiefst menschliche Gefühle und lokales Kolorit in Einklang zu bringen, gelang Regisseurin Tina Lanik in ihrer Inszenierung auf überzeugender Weise. Dabei durfte sie auf eine Sängerdarstellerin von Rang setzen; der großartigen Emily Newton als unglückliche und am Ende verhärtete Tatjana. Sie wurde zum Dreh- und Angelpunkt der gesamten Aufführung.

 

Die Oper Eugen Onegin basiert auf dem gleichnamigen Versroman des großen russischen Dichters Alexander Sergejewitsch Puschkin. Tschaikowsky gab zudem seinem Werk den bezeichnenden Untertitel „lyrische Szenen“.

Auf einem russischen Landgut leben Gutsherrin Larina und ihre Töchter Olga und Tatjana ein beschauliches Leben. Während Olga lebenslustig und extrovertiert ist, lebt Tatjana in ihrer eigenen kleinen und verträumten Welt. Tina Lanik lässt sie als ständig in Bücher versunkenen Teenager darstellen, der sich seine Träume vom ersten Verliebtsein durch das lesen von Liebesgeschichten scheinbare Wirklichkeit werden lässt. Eines Tages kommt der Nachbar Lenski auf das Gut zu Besuch. In seiner Begleitung ein junger Mann – Eugen Onegin. Während Olga und Lenski sich ihrer Liebesbeziehung hingeben, verfällt Tatjana diesem Mann augenblicklich. In einer unter die Haut gehenden Szene schreibt ihm Tatjana einen glühenden Liebesbrief. Als er diesen erhält, kehrt er zurück aufs Gut und erklärt ihr, von oben herab, – ganz oberflächlicher Lebemann -, dass er kein Mann für Ehe und Familie sei. Zumindest jetzt noch nicht und sie sollte nicht so viel träumen. Tief enttäuscht und verletzt zieht sie sich zurück. Aber Onegin macht Olga Avancen, die das lebenslustige Mädchen nur zu gern erwidert. Lenski, zutiefst eifersüchtig auf den einstigen Freund Onegin, fordert diesen zum Duell heraus. In diesem erschießt Eugen Onegin Lenski und verlässt danach, traumatisiert und perspektivlos das Land und geht auf eine weite und lange Reise. Währenddessen heiratet Tatjana den einflussreichen und vermögenden Fürsten Gremin. Auf einer seiner Soirees kommt es Jahre nach ihrer ersten Begegnung wieder zu einem Zusammentreffen von Onegin und Tatjana. Er muss erkennen, dass er die Frau, die er eigentlich immer geliebt hat, nun auf immer verloren hat. Alle haben sich verloren, viele haben alles verloren. Welch ein Seelenspiegel menschlicher Gefühle!

Tina Lanik setzt in ihrer Inszenierung genau auf diesen menschlichen Kosmos der Gefühle. Wenn Tatjana ihre erste Liebe leibhaftig erlebt und im Überschwang dieser mächtigen Gefühle sich zu einem Brief hinreißen lässt, der doch am Ende genau das Gegenteil dessen bewirken wird, was sie sich eigentlich ursprünglich erträumt hat, zeigt sich für mich die Klasse dieser Regiearbeit besonders eindringlich. Denn Regisseurin Lanik setzt dann ganz gezielt auf kleine Gesten, vermeidet großes Pathos und Dramatik und erhöht dadurch gerade die psychologische Wirkung dieser in der Opernliteratur so herausragenden Szene. Dramatisch auch die Duellszene zwischen Lenski und Onegin, in welcher Lanik den Duellanten Lenski in einer Form von Deja-vu,- durch übergroße Schattenmänner -, den nahenden Tod bereits in seiner großen Arie erleben lässt. Stark auch das Finale der Oper, in dem die unglückliche, einstmals liebeskranke Tatjana ihren Verletzer, den mittlerweile in fast allem geläuterten Onegin, verstößt und ganz am Ende so gar nicht mehr hin- und hergerissen wirkt.

Ileana Mateescu (Olga), Emily Newton (Tatjana), Thomas Paul (Lenskij), Chor der Oper Dortmund ©Anke Sundermeier, Stage Picture
Ileana Mateescu (Olga), Emily Newton (Tatjana), Thomas Paul (Lenskij), Chor der Oper Dortmund © Anke Sundermeier, Stage Picture

Tina Lanik setzt bei ihrer Inszenierung die oftmals bewährte Drehbühnentechnik ein, die aber in diesem Fall ungemein überzeugend für den gesamten Handlungsverlauf war. (Bühnenbild: Jens Kilian, Kostüme: Johanna Hlawica). Gab sie doch in ständigem Wechsel den Einblick nicht nur in das Leben der Protagonisten, sondern auch in deren Gefühlswelt preis.

Musikalisch wurde das Premierenpublikum ein weiteres Mal in Dortmund verwöhnt.

Der Chor des Theater Dortmund, von Tschaikowsky reich bedacht, vollbrachte erneut eine große Gesamtleistung und war durch seinen Leiter, Manuel Pujol, wieder einmal mehr auf den Punkt genau vorbereitet und überzeugend.

In den kleineren Partien konnten Min Lee (Guillot), Thomas Günzler (Saretzki), Hiroyuki Inoue (Ein Hauptmann) und besonders Fritz Steinbacher als sehr französischer Triquet aufwarten.

Luke Stoker gab der Partie des Fürsten Gremin einen stimmlich noblen Anstrich und gestaltete seine bekannte Arie mit der notwendigen Tiefe und Gefühl. Judith Christ darf als Idealbesetzung der Filipjewna bezeichnet werden, was Gesang und Darstellung gleichermaßen betrifft.

Ileana Mateescu, vielen Dortmunder Opernfans besonders in ihren großen Hosenrollen ein Begriff, spielte die Olga betont weiblich, auf fast schon naive Art. Sie gab der Partie ein großes Profil, auch und besonders gesanglich. Frau Mateescu hat mich am gestrigen Abend auf ganzer Linie überzeugt.

Judith Christ (Filipjewna), Almerija Delic (Larina) ©Anke Sundermeier, Stage Picture
Judith Christ (Filipjewna), Almerija Delic (Larina) © Anke Sundermeier, Stage Picture

Ihr ebenbürtig die mal wieder souveräne Almerija Delic als Gutsherrin Larina in lasziv-damenhafter Aufmachung und mit – wie gewohnt – enormer Bühnenpräsenz. Warum ihr die Regisseurin allerdings ständig eine Zigarre verpasst hat, entzieht sich meiner Beurteilung. Delic wirkt auch ohne „ganz große Dame„.

Den Lenski spielte und sang der Tenor Thomas Paul und durfte den gestrigen Abend als großen persönlichen Erfolg verbuchen. Hinreißend gesungen seine große Arie zu Beginn der Duellszene. Und nicht nur die war auf höchstem sängerischen Niveau. Das Publikum feierte ihn verdientermaßen mit vielen Bravorufen für sein berührendes Rollenportrait.

 Szymon Mechliński , der polnische Bariton, sang einen vitalen, kraftvollen Eugen Onegin und wusste ihn auch am Ende als einen gebrochenen Mann darzustellen. Ein glänzendes und überzeugendes Dortmunder Debüt des jungen Sängers. Bravo!

Sie hatte sich auf diese Rolle schon lange gefreut und es ist sicher ein Glücksfall für die Oper Dortmund, dass gerade sie die Tatjana in dieser Neuinszenierung ist: Emily Newton. Die amerikanische Sopranistin ist seit ihrem Dortmunder Debüt 2013 als Anna Nicole in der gleichnamigen Marc-Anthony Turnage-Oper eine feste Größe des Hauses. Gestern durfte sie ein weiteres Mal ihre große künstlerische Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellen, die diese besondere Künstlerin ausmacht. Sie gab ihrem Rollenprofil so viele stimmliche, wie auch und vor allem, darstellerische Facetten von naiv bis mondän, von zart bis kühl, von verletzlich bis verletzend, dass es wieder einmal zu einem Ereignis wurde.

Emily Newton (Tatjana), Simon Mechlinski (Eugen Onegin) / Foto Anke Sundermeier, Stage Pictures
Emily Newton (Tatjana), Simon Mechlinski (Eugen Onegin) / Foto © Anke Sundermeier, Stage Pictures

Den Dortmunder Philharmonikern und ihrem Dirigenten, dem musikalischen Leiter des Abends GMD Gabriel Feltz, gebühren die abschließenden Worte dieser Rezension. Das Tschaikowsky bei Feltz in guten und kompetenten Händen liegt, – das ist nicht nur seit der letzten großartigen Dortmunder Ballettpremiere mit Musik von u.a. diesem russischen Komponisten bekannt -, durfte auch am gestrigen Abend wieder konstatiert werden. Gefühlvoll, aber auch dramatisch und mit viel Gespür für Tempi führte Feltz die Philharmoniker und die Solisten auf der Bühne durch den gesamten Abend.

Für die kommenden Vorstellungen wünsche ich dem Dortmunder Opernhaus noch viel mehr Besucher als es am gestrigen Abend waren. Gut besucht, aber eben nicht sehr gut besucht, oder gar ausverkauft, war die Premiere und sie hätte es doch verdient, vor weitaus mehr gefüllteren Rängen stattgefunden zu haben. Das sollte sich in den Folgeterminen ändern. Verdient hat sie es, die gefühlvolle und musikalisch doch so hochwertige Neuinszenierung des Dortmunder EUGEN ONEGIN.

 

© Detlef Obens / DAS OPERNMAGAZIN 12-2017

 

  • Titelfoto:  Emily Newton (Tatjana), Simon Mechlinski (Eugen Onegin) / Foto Anke Sundermeier, Stage Pictures
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