Ks. Doris Soffel (Klytämnestra), Rebecca Teem (Elektra) - Matthias Jung, Erftstadt

Aalto-Musiktheater Essen: Premiere von Richard Strauss‘ Oper ELEKTRA vom Publikum begeistert aufgenommen

Rebecca Teem (Elektra) - Foto Matthias Jung, Erftstadt
Rebecca Teem (Elektra)
– Foto Matthias Jung, Erftstadt

Als nach 1 3/4 Stunden der letzte Ton der Oper ELEKTRA im Aalto – Musiktheater Essen verklungen war, entlud sich die Begeisterung des Publikums nach einem kurzen Moment der Stille in vielen Bravorufen und lang anhaltendem Applaus. Im Mittelpunkt dabei, völlig zu recht, die stimmgewaltige und leidenschaftliche Rebecca Teem in der Titelrolle.  

Eine Elektra-Inszenierung stellt stets enorme Ansprüche an ein Opernhaus. Neben einem Riesenorchester (Richard Strauss hat 111 Musiker vorgesehen) müssen insbesondere die weiblichen Hauptpartien,  Elektra (Sopran),  Klytämnestra (Mezzosopran)  und Chrysothemis (Sopran)  adäquat besetzt werden.  Glücklich das Opernhaus, dem die Umsetzung dieser Anfordernisse gelingt. Dem Essener Aalto Musiktheater darf dies nach seiner fulminanten Premiere attestiert werden.

Elektra, die Tochter des Heerführers Agamemnon wird von ihrer Mutter Klytämnestra und deren Geliebten, dem Mörder ihres Vaters, Aegisth, wie ein Hund gehalten. Die verstörte Elektra will die neue Herrschaft, die nur durch den Mord an ihrem Vater entstanden ist, nicht akzeptieren. Erst als der verloren geglaubte Bruder Orest auftaucht, um den gemeinsamen Vater Agamemnon zu rächen, gräbt Elektra ein Beil aus, mit dem Orest den neuen unrechtmäßigen Herrscher töten soll. Jahrelang hat sie ihre Wut gepflegt, nun gerät sie über die Morde an Aegisth und Klytämnestra  in Extase und tanzt sich zu Tode.

Rebecca Teem (Elektra), Katrin Kapplusch (Chrysothemis) -Foto Matthias Jung, Erftstadt
Rebecca Teem (Elektra), Katrin Kapplusch (Chrysothemis) -Foto Matthias Jung, Erftstadt

David Böschs Inszenierung, die bereits 2014 in Antwerpen und Gent herauskam, arbeitet die Trauma aller drei Kinder des ermordeten Agamemnon heraus. Neben der erforderlichen Konzentrierung auf die zentrale Figur Elektra, lässt der Essener Regisseur Bösch auch die Sicht auf deren Geschwister Orest und Chrysothemis zu.

Allen dreien wurde der Vater auf brutale Weise genommen. Gemordet durch den Geliebten der eigenen Mutter. Beide leben nun als Herrscherpaar im Haus zusammen. Elektra, verstoßen und alleingelassen mit ihren Ängsten, sinnt nur mehr auf Rache. Will den Tod der verhassten Mutter und ihres Geliebten und glaubt erst dann so etwas wie innere Ruhe zu erlangen. Bösch arbeitet mit seinen Solisten gezielt deren psychologischen Abgründe heraus. Wobei die Ursache aller Obsessionen und dem psychischem Trauma von Elektra und ihren beiden Geschwistern bei der Mutter Klytämnestra und ihrem dazutun beim Mord an Agamemnon zu suchen ist. So endet dann auch in dieser Inszenierung die Handlung für alle drei Geschwister tragisch und hoffnungslos.

Die Handlung der Oper Elektra ist finster, düster, morbid und voller menschlicher Abgründe. Ob es zur Vermittlung dessen so viel Bühnenblut gebraucht hätte wie in der Essener Inszenierung, sei einmal dahin gestellt. Wenn allerdings im Finale der Oper das Blut an den meterhohen Wänden der Bühnenkulisse herab strömt, ist das nicht wirklich neu, aber verfehlte auch gestern seine Wirkung nicht. Das Klytämnestra bei ihrer „Alptraum-Szene“ mit einer Art von Transfusionsschläuchen an Opfertiere verbunden ist, mag spektakulär wirken, aber Strauss hat gerade diese Szene derart übermächtig komponiert, dass manchmal, wie auch hier,  weniger oft mehr ist.

Ks. Doris Soffel (Klytämnestra), An De Ridder (4. Magd) - Foto Matthias Jung, Erftstadt
Ks. Doris Soffel (Klytämnestra), An De Ridder (4. Magd) – Foto Matthias Jung, Erftstadt

Denn die phänomenalen Klangwelten, die Richard Strauss für diese Oper erschaffen hat, sind so beredt, so genial, sie bedürfen oftmals keiner weiteren Erklärung durch eine Regie. Aber insgesamt betrachtet hat David Bösch eine sehenswerte Elektra auf die Essener Bühne gestellt, die an vielen Stellen sehr überzeugend und eindrucksvoll war. In teils beklemmenden Bildern (Bühnenbild: Patrick Bannwart und Maria Wolgast / Kostüme: Meentje Nielsen) setzt David Bösch die Tragödie der sich nach dem Vater sehnenden und verzehrenden Elektra um. Dafür sinnbildlich lässt er sie mit einem Foto „aus besseren Zeiten„, welches sie mit ihrem Vater zeigt, auf der Bühne agieren. Für Elektra ist das gemeinsame Portrait wie eine Reliquie, welches sie hütet, weil es die noch für sie einzige Verbindung zum toten Vater bedeutet.

Musikalisch war der Abend auf hohem Niveau.  GMD  Tomáš Netopil dirigierte eine teils mächtig erklingende und auftrumpfende Elektra bei einer durchweg orchestralen Hochspannung des glänzend aufgelegten Essener Klangkörpers. Das Netopil vereinzelt die Solisten mit dem Klangteppich fast zugedeckt hatte, sollte in der Folge der weiteren Aufführungen in der musikalischen Feinabstimmung zu beheben sein. Großes Kompliment aber in jedem Fall für den Dirigenten des Abends, den Opernchor des Aalto-Musiktheaters und die Essener Philharmoniker.

Almas Svilpa (Orest), Rainer Maria Röhr (Aegist) Fotos: Matthias Jung, Erftstadt
Almas Svilpa (Orest), Rainer Maria Röhr (Aegist)
Fotos: Matthias Jung, Erftstadt

Die fünf Mägde wurden gesungen von Jessica Muirhead, An De Ridder, Leonie van Rheden, Marie-Helen Joel und Marion Thienel. Zusammen mit Maria Ferencik als deren Aufseherin insgesamt eine überzeugende Leistung. Michael Haag und Albrecht Kludszuweit waren der alte und der junge Diener. Michaela Sehrbrock sang die Vertraute und Bart Driessen konnte als Pfleger des Orest überzeugen.

Almas Svilpa als Orest und Rainer Maria Röhr als Aegisth hinterließen jeweils in ihren Partien gesanglich und spielerisch einen starken Eindruck.

Als Chrysothemis in der Essener Inszenierung war Katrin Kapplusch zu erleben. Auch wenn sie an manchen Stellen mit der Lautstärke des Orchesters zu kämpfen hatte, steigerte sie sich im Laufe der Aufführung immer mehr bis hin zu ihren beeindruckenden „Orest..Orest..“-Rufen. Viel Applaus vom Publikum auch für sie und ihre Leistung.

Mit Kammersängerin Doris Soffel stand eine Klytämnestra von Rang und mit internationaler Erfahrung auf der Bühne. Sehr konzentriert und überzeugend in Gesang und Darstellung bot Frau Soffel ein äusserst beeindruckendes Rollenportrait, welches vom Premierenpublikum hoch verdient gefeiert wurde. Ganz stark ihre Alptraum-Szene, als auch das diabolische Lachen der Klytämnestra.

Ks. Doris Soffel (Klytämnestra), Rebecca Teem (Elektra) - Matthias Jung, Erftstadt
Ks. Doris Soffel (Klytämnestra), Rebecca Teem (Elektra) – Matthias Jung, Erftstadt

Eine Elektra-Aufführung steht und fällt, – wie sollte es auch anders sein -, mit der Besetzung der Titelrolle. In Essen hatte man diesbezüglich eine sehr glückliche Hand. Wie Rebecca Teem mit gesanglichen und schauspielerischen Mitteln die innere Zerrissenheit, die Verlassenheit, die tiefe Verzweiflung und auch den pathologischen Wahn der Elektra darstellte, war großartig! Mit einem kraftvollen Sopran , der auch den letzten Winkel des großen Aalto-Musiktheaters ausfüllte, hat sie die Besucher der gestrigen Premiere in ihren Bann gezogen. Rebecca Teem wurde zum Mittelpunkt der Aufführung und mit Bravorufen und Ovationen vom Publikum im sehr gut besuchten Haus hochverdient gefeiert.

Fazit: Das Aalto-Musiktheater Essen zeigt eine überzeugende, spannende und musikalisch mitreißende ELEKTRA, mit einer überragenden Rebecca Teem in der Titelrolle. Unbedingt empfehlenswert!

Infos: Weitere Termine und Kartenvorverkauf HIER

*Titelfoto: Ks. Doris Soffel (Klytämnestra), Rebecca Teem (Elektra) – Matthias Jung, Erftstadt

– Premiere + besuchte Vorstellung am 19.3.2016 –

 

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