Theater Aachen/Don Giovanni/ Netta Or, Katharina Hagopian, Patricio Arroyo, Ang Du, Hrólfur Saemundsson/ Foto @ Wil van Iersel

Aachen kichert: DON GIOVANNI!

Theater Aachen/Don Giovanni/ Hrólfur Saemundsson, Katharina Hagopian/ Foto @ Wil van Iersel
Theater Aachen/Don Giovanni/ Hrólfur Saemundsson, Katharina Hagopian/ Foto @ Wil van Iersel

Es ist sehr, sehr schwer, eine Oper zu schreiben.

Es kann aber auch sehr, sehr schwer sein, eine Oper zu besuchen.
Besonders dann, wenn es sich um eine Oper von Mozart handelt.
 
– Mozarts DON GIOVANNI am Theater Aachen –

 
Das mag überraschen, gilt Mozart doch als begnadetes Genie der leichten und wunderschönen Musik. Das ist er zwar, aber von Musiktheater und -dramaturgie hat er leider nicht viel verstanden. Und Glück beim Angebot und Auswahl seiner Librettisten hatte er auch nicht. Handlungstechnisch sind eigentlich alle seine Opern unübersichtlich.
 
Niemanden stört es wirklich, dass keiner in der Lage ist, den Inhalt einer ZAUBERFLÖTE sinnvoll wieder zu geben. Die Musik war herrlich, und der Rest sind die Geheimnisse der Freimaurerei, vor denen die Oper ja bekanntlich nur so wimmelt. Und Geheimnisse sind am Schönsten, wenn sie Geheimnisse bleiben.
 
Nur: Hinter diesen Geheimnissen können sich seine anderen Opern nicht verstecken.
Und wer das Pech hatte, als Opernneuling in einer COSI FAN TUTTE zu sitzen, wird in seinem weiteren Leben vermutlich nie wieder ein Opernhaus betreten.
 
Und sein DON GIOVANNI macht es uns auch nicht leicht.
 
Theater Aachen/ Don Giovanni/ Hrólfur Saemundsson, Mona Nymphius (Statistin)/ Foto @ Wil van Iersel
Theater Aachen/ Don Giovanni/ Hrólfur Saemundsson, Mona Nymphius (Statistin)/ Foto @ Wil van Iersel

Die Ouvertüre beginnt in einer düsteren D-Moll-Tonart und auch die sich klassischerweise anschließenden Mantel-und-Degen-Inszenierungen mit den Handlungsplätzen: „Dunkle Nacht“, „Einsame Strasse“ und „Lichtloser Friedhof“ sind kaum dazu angetan, die Schwächen, Ungereimtheiten und Widersprüche des Librettos zu erhellen.

 
Wir begleiten den sagenumwobenen Frauenschwarm und Weiberhelden DON JUAN (auf italienisch eben DON GIOVANNI) bei vier seiner amourösen Abenteuern, bei denen er dann vier mal scheitert. So hatten wir uns den Helden eigentlich nicht vorgestellt.
 
Dass DON GIOVANNI als Adeliger mit seinem Diener Leporello eine standesunwürdig kumpelhafte Beziehung hat, mag uns heute gar nicht mehr auffallen. Dass der Mordvorwurf, der die ganze Oper durchzieht, gar keinen Bestand hat, wenn es sich, wie im Libretto angegeben, um ein Duell zwischen DON GIOVANNI und dem KOMTUR (eine Art Stadtverwalter) gehandelt hat, kann uns auch egal sein. Immerhin haben wir noch Dinge wie z.B. eine sprechende Friedhofsstatue zu verdauen, die dann auch noch auf Einladung zum Essen kommt. Und anschließend öffnet sich ein Höllenschlund und verschlingt DON GIOVANNI. Schließlich heißt die Oper im Untertitel: Der bestrafte Wüstling.
 
Wäre es nicht Mozart gewesen, der aus all diesem Kram ein Meisterwerk der Oper komponiert hätte, dann würde wohl niemand mehr über dieses Libretto sprechen.
Neben der Register-, der Champagner-Arie und dem Musikklassiker Là ci darem la mano („Reich mir die Hand, mein Leben“) werden in den entsprechenden Verzeichnissen nicht weniger als 30 weitere musikalische Höhepunkte benannt.
 
Der auch als „Oper aller Opern“ bezeichnete DON GIOVANNI ist musikalisch ein Traum!
 
Und was machen die Aachener jetzt damit? – Sie machen das Licht an!!!
 
In der Jetztzeit angesiedelt befinden wir uns in den durch den geschickten Einsatz der Drehbühne erlebbar gemachten 3 Räumen eines Kunstmuseums. Das Bühnenbild mit den entsprechenden Exponaten der Ausstellungsräume machen es augenfällig: Es geht um Männlichkeit.
 
Theater Aachen/Don Giovanni/ Hrólfur Saemundsson, Suzanne Jerosme/ Foto @ Wil van Iersel
Theater Aachen/Don Giovanni/ Hrólfur Saemundsson, Suzanne Jerosme/ Foto @ Wil van Iersel

Erst einmal fängt alles irgendwie so an, wie man es erwartet.

Der Komtur, nach ca. 10 Minuten mit Hilfe eines Adonis-Kopfes erschlagen, röchelt mit einer tiefen, klaffenden, blutigen Kopfwunde sein Leben aus, wird jedoch gar nicht erst abgeräumt. Und da er nun die nächsten 2 Stunden dort tot (oder fast tot) herum liegt, kann er ja auch mit bespielt werden.
Und damit beginnt ein regelrechtes Feuerwerk an guten kleinen und grossen Ideen, spielfreudigen Auftritten, gelungenen Szenenwechseln und heiteren Regieeinfällen.
 
Häufig wird das Libretto, aber auch die Musik mit einem Augenzwinkern allzu ernst genommen und so lebendig ausgespielt, dass man oft aus dem Lachen nicht herauskommt. Dabei rutscht die Regie nie ins alberne ab, sondern bleibt immer ganz dicht an der Textvorlage.
 
Auch die Übertragung des Stückes in die Gegenwart bietet vielen kleinen Regieeinfällen humorvoll Raum, wenn z.B. der Diener Leporello heimlich von der Tafel seines Herren nascht und mit den Worten: „Hühnchen, das ist mein Leibgericht“ einen Chicken-Burger hervorzieht und sich gütlich daran tut.
Und wenn der Komtur wieder gebraucht wird, erwacht er aus seinem Koma und kann daher später auch die Einladung des DON GIOVANNI annehmen.
 
Wie gelungen in seiner Gesamtkonzeption der DON GIOVANNI in Aachen ist, zeigte sich nicht zuletzt an folgendem Detail der erstbesuchten Vorstellung:
 
Als DONNA ELVIRA, gesungen von Netta Or, am Ende des Stückes über den Tod Don Giovannis ihren Schreckensruf ausstößt: „Ich gehe ins Kloster“ erntet sie dafür Lachsalven und Szenenapplaus aus dem Publikum.
 
Zu lebendig, zu spielfreudig, zu lebensbejahend haben alle Sänger des Abends ihre Rollen gestaltet; mit zu viel Sinnenfreude und Liebessehnsucht wie auch -bereitschaft hatte auch Netta Or ihre Rolle versehen, als dass ihr irgend jemand geglaubt hätte, dass sie sich nicht schon morgen erneut ins Leben stürzen würde.
 
Theater Aachen/Don Giovanni/ Netta Or, Katharina Hagopian, Patricio Arroyo, Ang Du, Hrólfur Saemundsson/ Foto @ Wil van Iersel
Theater Aachen/Don Giovanni/ Netta Or, Katharina Hagopian, Patricio Arroyo, Ang Du, Hrólfur Saemundsson/ Foto @ Wil van Iersel

Aber einen Sänger dieser Aufführung zu loben, hiesse fast, die anderen zu beleidigen.

Zu geschlossen, zu gut eingespielt und stimmlich aufeinander abgestimmt ist diese Produktion bestehend aus dem Ensemble des Hauses und bereits in Aachen bekannten Gästen.
 
Don Giovanni Hrólfur Saemundsson
Komtur Ang Du
Donna Anna Katharina Hagopian
Don Ottavio Patricio Arroyo (am 06.04. vertreten durch Stefan Cifolelli)
Donna Elvira Netta Or
Leporello Pawel Lawreszuk
Masetto Michael Terada
Zerlina Suzanne Jerosme
 
Dass nur Sefan Cifolelli als Krankheitsvertretung – der die Partie großartig vorträgt – nicht ganz die stimmliche Idee der Gesamtinszenierung trifft, ist dabei selbstverständlich. Wie es ihm jedoch gelungen ist (Es wurde angesagt, das er sehr, sehr kurzfristig eingesprungen sei), sich auch noch in diese turbulente Personenführung einzufinden, so dass er nicht vom Bühnenrand gesungen, sondern vollwertig mitgespielt hat, kommt einem Wunder gleich. Nur die hohe Kunst, Arien zu singen und gleichzeitig Luftballons mit dem Mund aufzublasen, wollte nicht so recht gelingen. Arroyo hatte das (fast) noch geschafft…
 
Ein heiterer und leichter Abend ohne Längen, der beweist, dass man selbst Mozart spielerisch und charmant inszenieren kann. Wenn es doch immer so wäre…
 
Die Musikalische Leitung hatte der derzeitige kommissarische GMD der Stadt Aachen, Justus Thorau, der so vertraut mit dem Sinfonieorchester Aachen, dem Opernchor Aachen und den Sängern des Hauses ist, das die großartige Gesamtleistung bereits zu erwarten war.
 
Ein grosses Lob für die Inszenierung von Joan Anton Rechi, der am Theater Aachen bereits einige Stücke inszeniert hat. Nachdem seine letzte Arbeit, die „Ariadne auf Naxos“ leider nicht ganz so gelungen war, macht er dies mit seinem DON GIOVANNI mehr als gut.
 
Ebenfalls zu erwähnen sind natürlich Gabriel Insignares (Bühne), Mercè Paloma (Kostüme), Elena Pierini (Choreinstudierung) und Christoph Lang (Dramaturgie).
 
Ein so großartiges Ergebnis kann natürlich nur entstehen, wenn alle Beteiligten so gut zusammen arbeiten, wie es hier der Fall gewesen zu sein scheint.
 
Großer Beifall bei allen beiden besuchten Vorstellungen bei zweimal fast ausverkauftem Haus. Ein zufriedenes Publikum. So geht Oper!
 
DON GIOVANNI
Oper in zwei Akten von Wolfgang Amadeus Mozart
Libretto von Lorenzo da Ponte
Uraufführung am 29. Oktober 1787 im Nationaltheater Prag
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
 
Premiere So 11. Februar 2018
Dauer ca. 3 Stunden
Aufführungsmaterial: Urtextausgabe
 
Besuchte Vorstellungen:
So 18.03.2018 und Fr. 06.04.2018
 
Die Vorstellung am 18.03. war sehr durch die Grippewelle gezeichnet.
Ein Sänger sang mit halber Stimmkraft, zwei weitere mussten vom Bühnenrand eingesungen werden, um die Veranstaltung stattfinden lassen zu können.
Am 06.04. fehlte nur der erkrankte Patricio Arroy, dessen Rolle des DON OTTAVIO von dem belgischen lyrischen Tenor Stefan Cifolelli vertreten wurde, der die Partie bereits an der Komischen Oper Berlin und am Theater Erfurt gesungen hat.
 
 *  Rezension von Ingo Hamacher, Aachen
 
*   Weitere Infos, Termine und Kartenvorverkauf unter DIESEM LINK
*    Titelfoto: Theater Aachen/Don Giovanni/ Netta Or, Katharina Hagopian, Patricio Arroyo, Ang Du, Hrólfur Saemundsson/ Foto @          Wil van Iersel

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